Das Universitätsarchiv von 1934 bis 1992

Die Zentralisierung des Rektoratsarchivs und der einzelnen Fakultäts- und Behördenarchive in einem Universitätsarchiv war eine Idee, die erstmals im Nationalsozialismus aufkam. Ermöglicht durch das „Führerprinzip“ und inspiriert vom 525. Universitätsjubiläum, verbanden sich diese Ordnungsbestrebungen mit den Bemühungen um eine neue, nationalsozialistisch geschriebene Universitätsgeschichte. Vom 1. Oktober 1934 an wurde in Leipzig die Stelle eines Universitätsarchivars mit Dr. Richard Franke (1905-1973) besetzt. Aus dem Rechenschaftsbericht des abtretenden Rektors Arthur Golf (1877–1941) vom 31. Oktober 1934 werden einige Hintergründe dazu erkennbar: „Die planmäßige Durcharbeitung des Archivs der Universität hat vor kurzem dank der Unterstützung durch unser Volksbildungsministerium in Angriff genommen werden können; nach Beendigung dieser auf etwa 1 Jahr berechneten Arbeit wird es an der Zeit sein, einen genauen Bericht über die Geschichte unsrer Universität in einer besonderen Feierstunde zu erstatten.“

Der 1905 geborene Franke hatte in Borna das Realgymnasium besucht, dann in Heidelberg, München und Leipzig studiert und war 1929 in Leipzig mit einer Arbeit zur Pressegeschichte promoviert worden. Anschließend war er vier Jahre als Schullehrer tätig. Als Universitätsarchivar begann Franke bereits 1937 damit, Vorkehrungen für einen möglichen Luftkrieg zu treffen. Er regte an, bei Kriegsbeginn die besonders wertvollen Stücke aus den Fakultätsarchiven und dem Rektoratsarchiv in bombensichere Kellerräume des Augusteums umzulagern. Kurz vor Kriegsausbruch im Juni 1939 wechselte er in das Reichsstudentenwerk, wo er nach dem Kriegsende 1945 freiwillig kündigte, um seiner Entlassung als NSDAP-Mitglied zuvorzukommen. Der mit dem Wiederaufbau der Universität beschäftigte Rektor Hans-Georg Gadamer (1900–2002) setzt sich nach 1945 für ihn ein und obwohl Franke aus politischen Gründen nicht mehr in der Universitätsbibliothek beschäftigt werden konnte, angeblich sogar ein Arbeitsverhältnis als Kellner in Wurzen hatte, wurde er von Gadamer im Februar 1947 ehrenamtlich zur Betreuung des Universitätsarchivs angestellt.24 Auch der Leipziger Landeshistoriker Rudolf Kötzschke (1867–1949) votierte für die Wiedereinstellung Frankes, um das Archiv wieder mehr für die Benutzung zu öffnen und neue wissenschaftliche Studien zur Universitätsgeschichte durch die Historische Kommission zu ermöglichen.

Die Wirklichkeit sah indes ganz anders aus: Große Teile der zentralen Universitätsgebäude waren zerstört, darunter lagerten die verbliebenen Archivbestände im Keller. Das Archivgebäude hatte die schwere Bombennacht vom 3. auf den 4.Dezember 1943 in Leipzig nicht nur überstanden, sondern auch die angrenzende Universitätskirche vor dem Übergreifen des Feuers vom Augusteum bewahrt. Die ältesten Archivalien zur Universitätsgeschichte waren zwar vorsorglich ins Umland ausgelagert, dort aber nach dem Kriegsende zum größten Teil als Beutegut beschlagnahmt und in die Sowjetunion verbracht worden. Der gesamte Universitäts- und Wissenschaftsbetrieb in Leipzig war weitgehend lahmgelegt.

Gegen das Votum des Betriebrates wurde Franke für ein halbes Jahr, von Oktober 1948 bis April 1949 nochmals provisorisch als Universitätsarchivar beschäftigt. Erst im Juni 1949 übergab er die Dienstgeschäfte an einen Nachfolger. Engagiert begann der stud.phil. Heinz Blaschke (*1927)  sofort mit der Rückverlagerung der Archivalien aus den Kellerräumen und legt eine Inventurkartei der dabei vorgefunden Stücke an. Ab Mitte 1950 nahm Blaschke jedoch am ersten Lehrgang der Archivschule Potsdam teil und die Stelle wurde wieder vakant.

Nachdem eine Festanstellung Frankes als Archivar 1950 endgültig abgelehnt worden war,27 wurde von dem Historiker Heinrich Sproemberg (1889–1966) eine junge Leipzigerin für diese Stellung besonders favorisiert – Dr. Renate Drucker (*1917)28. Vom Oktober 1936 bis zum März 1938 hatte sie in Leipzig Geschichte, Germanistik, Orientalistik und Anglistik studiert. Im April 1938 wurde ihr als „jüdischer Mischling II. Grades“ (als „Vierteljude“) ohne Begründung ein mündliches Studienverbot ausgesprochen und ein weiteres Betreten der Historischen Institute verboten.29 Daraufhin war sie von 1938–1941 arbeitslos, bis sie im April 1941 an der Universität Leipzig wieder für ein Jahr immatrikuliert wurde. Der Historiker Hermann Heimpel (1901–1988) riet ihr zur Fortsetzung des Studiums und zu einer Promotion an der Universität Straßburg bei Walter Stach (1890–1955). Die Doktorprüfung legte sie an der Philosophischen Fakultät in Straßburg am 23. November 1944 ab, wenige Stunden vor dem Einmarsch der Amerikaner. Nach dem Kriegsende arbeitete sie bis zum August 1950 im Leipziger Berufsausschuß der Rechtsanwälte und Notare zur Entnazifizierung des Berufsstandes mit und war nebenher an der Universität als Lehrbeauftragte für mittelalterliches Latein tätig. Mit großem Eifer nahm sie die neue Tätigkeit im September 1950 auf und arbeitete in den nächsten Jahren an einer Verbesserung der Archivverhältnisse, zugleich wurde sie bei der hilfswissenschaftlichen Ausbildung von Studenten tätig, begründete eine „Arbeitsgemeinschaft der Archivare wissenschaftlicher Einrichtungen“ in der DDR und legte neue Publikationen zur Leipziger Universitätsgeschichte vor.

In die Zeit der Tätigkeit von Renate Drucker fielen zwei einschneidende Veränderungen für das Archiv. Zunächst kehrten um 1958 die Leipziger Beuteakten aus der Sowjetunion wieder in die DDR zurück. Weiterhin wurden die vom Luftkrieg verschont gebliebenen Archivalien der Juristen und der Theologen, deren Institutsgebäude fast vollständig ausgebombt waren, als gesonderte Teilbestände in das neu gebildete Universitätsarchiv integriert. Von den seit 1943 erfolgten Auslagerungen nach Schloß Mutzschen läßt sich nur schlecht nachvollziehen, welche Archivbestände der Universität dorthin verbracht worden sind.

Insgesamt hat in Mutzschen Archivmaterial im Umfang von ca. 2 Kubikmetern gelagert. Diese Archivalien waren am 5. Dezember 1945 von der Roten Armee nach Moskau verbracht worden. Über die Rückgabe der Akten finden sich kaum schriftliche Notizen, lediglich um 1960 wird erwähnt, daß das beschlagnahmte Material 1958 wieder vollständig in Leipzig eingetroffen sei. Nach dem Vergleich einer Liste aus dem Jahre 1947, die das ausgelagerte und auch das beschlagnahmte Archivgut der Philosophischen Fakultät auflistet, mit den heutigen Beständen, sind alle in Mutzschen als verloren geglaubten Stücke wieder vorhanden. Ebenso fand sich 2004 in bisher unverzeichneten Beständen ein Aktenband über die Auslagerungen der Medizinischen Fakultät nach Gnandstein. An Hand dieser Listen ist ersichtlich, daß auch alle ausgelagerten Stücke des Medizinischen Fakultätsarchivs sich heute wieder im Universitätsarchiv befinden.

So ist zu vermuten, daß spätestens um 1960 das Universitätsarchiv die alten Bestände, allerdings dezimiert um erhebliche Kriegsverluste, umfasste.32 Sie bilden noch heute den Grundstock des Universitätsarchivs und beinhalten die ehemaligen Archive der vier Fakultäten (Theologische, Juristische, Medizinische und Philosophische Fakultät) aus der Zeit von 1409 bis 1945/1968 mit insgesamt etwa 74 laufenden Metern an Archivalien. Dazu treten die Nationen und Kollegien aus der Frühzeit der Universität mit einer Überlieferung, die um das Jahr 1362 einsetzt und bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1834 reicht, mit etwa 5 laufenden Metern. Den weitaus größten Umfang haben die Archivalien der Rektoren: Etwa 100 laufende Meter existieren aus der Zeit von 1311 bis ins Jahr 1950.33 Zur Rektoratsverwaltung gehören ebenfalls das Gerichtsamt aus der Zeit von 1422 bis 1939 (ca. 40 laufende Meter), die für die Studiengebühren zuständige Quästurbehörde von 1883 bis 1945 (ca. 64 laufende Meter), das Rentamt mit Archivalien aus der Zeit von 1618 bis 1953 (ca. 44 laufende Meter) und schließlich die Urkunden- und Siegelsammlung von 1377 bis 1900 (ca. 30 laufende Meter). Die Graduierungs- und Personalakten aus der Zeit um 1600 bis 1945 runden mit etwa 200 laufenden Metern diese älteren Bestände ab.

Die beengten Raumverhältnisse im kriegsbeschädigten Augusteum führten 1955 zu einer Notlösung: Unter dem Dach des Universitätsgebäudes in der Ritterstraße wurde mit Willy Lindner (1900–1983)34 ein Verwaltungsarchiv eingerichtet, das nun erstmals Übernahmen aus den Universitätsbehörden realisieren konnte. Heute bilden die seither aus der Verwaltung übernommenen Akten einen etwa 3000 laufende Meter umfassenden Bestand, der sich in Personalakten seit 1950 bis ins Jahr 2005 (Angestellte, Studenten, Graduierungsakten) mit rund 2200 laufenden Metern und verschiedene Verwaltungssachbestände gliedert. Zu den wichtigen Sachbeständen seit 1945 zählen das Rektorat mit 100 laufenden Metern, der Verwaltungsdirektor mit 50 laufenden Metern und die Sektionen mit 450 laufenden Metern. Aus der Tätigkeit der Hochschulfilm- und Bildstelle an der Universität erwuchs eine Fotosammlung mit mehr als 120 000 Aufnahmen und eine Lehrfilmsammlung mit etwa 600 Schmalfilmen. Ergänzend findet sich noch zahlreiches Sammlungsgut wie eine umfangreiche Plakatsammlung mit über 2000 Titeln und ca. 1100 Einheiten von gegenständlichem Sammlungsgut (Fahnen, Münzen, Plaketten, Bilder, Textilien, Pokale). Aus einer zunächst archivintern angelegten Druckschriftensammlung entstand nach und nach eine eigene Dienstbibliothek zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, die heute rund 10.000 Bände umfaßt.

Als 1968 die Paulinerkirche und danach das komplette Universitätsareal am Augustusplatz gesprengt wurden, verlor auch das Universitätsarchiv seine Heimstatt und mußte zunächst in einem Teilbereich der selbst vom Luftkrieg beschädigten Albertina unterkommen. Die Umstände, unter denen die neue Leiterin Dr. Gerhild Schwendler (*1934)35 das Archiv 1977 übernahm, waren also keineswegs optimal. Unter ihrer Ägide stand 1984 das 575. Jubiläum der Gründung der Universität Leipzig im Vordergrund. Bereits 1959 hatte sie noch als Assistentin am Institut für deutsche Geschichte an der Herausgabe der Festschrift zur 550- Jahrfeier der Universität mitgewirkt. Zugleich beschäftigte sie sich mit dem antifaschistischen Widerstandskampf zwischen 1933 und 1945 an der Universität Leipzig.36 Die schwierigen Raumverhältnisse konnten erst nach dem Ende der DDR verbessert werden. 1992 übernahm Dr. Gerald Wiemers (*1941)37 aus den Händen seiner Vorgängerin ein wohlgeordnetes Archiv, das zwei Jahre nach der politischen Wende vor neuen Aufgaben stand.38 Zunächst galt es, das Archivgut aufgelöster Universitätseinrichtungen zu sichern und umfangreiche Fremdbestände von gut 650 laufenden Metern, die aus anderen Leipziger Hochschularchiven stammten (Deutsche Hochschule für Körperkultur, Pädagogische Hochschule, Handelshochschule Leipzig), zu integrieren. Daneben konnte das stete Raumproblem teilweise gelöst werden, nachdem ein neuer Archivstandort in der Leipziger Oststraße gefunden worden war. Hier konnte erstmals auch wieder die Benutzbarkeit der Schätze garantiert werden und die Benutzerzahlen stiegen rapide an. Dank der großen Unterstützung durch die Universitätsleitung konnten auch die Tresorräume in einem ehemaligen Bankgebäude, wo sich heute die ältesten Stücke zur Universitätsgeschichte befinden, ab 1999 modernisiert und klimatisiert werden. Wissenschaftlich beteiligt sich das Universitätsarchiv an der politischen Vergangenheitsbewältigung der Universität Leipzig seit 1945, an der historischen Aufarbeitung der Leipziger Wissenschaftsgeschichte und an einer intensiven Außendarstellung der Universitätsgeschichte. Das Universitätsarchiv konnte nach 1990 wieder in die deutsche und internationale Archivgemeinschaft zurückkehren und dort seinen Platz als eines der ältesten und größten europäischen Universitätsarchive wieder einnehmen. Im Jahre 2006 schied Gerald Wiemers aus dem aktiven Dienst aus und seine Nachfolge trat Dr. Uwe Schirmer (*1962) an.

[Strukturelle Entwicklungen seit 1992 und Zukunftsperspektiven]

Geschichte des Universitätsarchivs Leipzig

[ Teil 1, Das Universitätsarchiv Leipzig – Vom eisernen Kasten zur Datenschatzkammer]

[ Teil 3, Strukturelle Entwicklungen seit 1992 und Zukunftsperspektiven]

Jens Blecher und Gerald Wiemers.

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