/Literaturfigur in Martin Walsers Epos „Verteidigung der Kindheit“ | Der Leipziger Student Manfred Ranft alias Alfred Dorn

Literaturfigur in Martin Walsers Epos „Verteidigung der Kindheit“ | Der Leipziger Student Manfred Ranft alias Alfred Dorn

Ein deutsches Muttersöhnchen

Der Schriftsteller Martin Walser hat Manfred Ranfts Geschichte in dem biografischen Roman Die Verteidigung der Kindheit erzählt, der 1991 erschien und von dem Marcel Reich-Ranicki sagte, er sei eines der wichtigsten Bücher der deutschen Nachkriegsliteratur. Im legendären Literarischen Quartett besprochen.

Foto: Martin Walser im März 2013 © Ralf Juergens/Getty Images

Walsers Deutsches Requiem

In seinem Roman „Die Verteidigung der Kindheit“ von 1991 erzählt Martin Walser das Schicksal des gebürtigen Dresdners Manfred Ranft – im Buch heißt er Alfred Dorn. Die Dresdner Bombennacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 prägte ihn als Kind. Sein Zuhause war mit allem verbrannt, was seine Kindheit dokumentieren könnte. Auch seine Großeltern verbrannten in dieser Nacht. Dieser Verlust bestimmte als traumatische Erfahrung seine ganze Existenz und Lebensplanung.

Foto: Manfred Ranft als Student. Studentenakte UAL

Manfred Ranft alias Alfred Dorn

Das kommt wohl nur äußerst selten vor: ein Student durchläuft das Studium, besteht die Prüfungen oder besteht sie nicht, er verlässt die Universität, so wie hunderte andere Absolventen auch – und Jahrzehnte später können wir in sein Leben eintauchen, erfahren alle Einzelheiten seines Daseins, können Gedanken und Empfindungen nachlesen – in einem fünfhundertseitigen Roman.

Glücksfall für Martin Walser

Diesen Roman hat Martin Walser geschrieben, und für ihn war es ein Glücksfall, dass ihm das Material für seinen Roman buchstäblich ins Haus getragen wurde. Zwei wohlmeinende Damen überbrachten ihm die Hinterlassenschaft von Manfred Ranft, einem im Hessischen ansässigen Juristen. Martin Walser beschreibt ihn als einen schrägen, ungelenken, erfolglosen Menschen vom Typ Muttersöhnchen. Nach dem Tod seiner Mutter begann Ranft, wie besessen alles zu sammeln, was mit seiner Heimatstadt Dresden zu tun hatte und ihn an die verlorene Kindheit erinnerte. Sie endete abrupt mit dem Bombenangriff im Februar 1945.

„Ohne seine Vergangenheit war er nichts.“

Alle verwahrten Sammlungsstücke, Bilder, Briefe, Alltagsgegenstände, bildeten den Grundstock für Walsers Roman und für seine Figur Alfred Dorn. Besessen trägt Alfred alle Spuren seiner Kindheit, deren er habhaft werden kann, zusammen. Berge von Fotos, Briefe, bis hin zu Kämmen der Mutter. Dessen reales Vorbild Manfred Ranft begann nach einem sehr guten Abitur an der Dresdner Kreuzschule 1948 das Jurastudium in Leipzig. Das Studium erweist sich als eine einzige Katastrophe. Er ist begabt, aber alles wird ihm zuviel. Ständig fühlt er sich ausgelacht. Ein mißtrauischer Patron. Kein Alkohol, keine Frauen. Die Prüfungen bestand er auch nach mehrmaligen Anläufen nicht, so dass nur die Exmatrikulation blieb.

Stafrechtsvorlesung im Jahr 1950 zwischen Kriegstrümmern
Stafrechtsvorlesung im Jahr 1950 zwischen Kriegstrümmern

Exmatrikulation

Zuvor schrieb er an das Studentendekanat und bat um Aufschub der Exmatrikulation, weil er so noch länger die günstigeren Lebensmittelkarten beziehen könne. Der Prorektor wies ihn empört ab und verlangte, „in Zukunft derartige Ansinnen … zu unterlassen“. Da halfen selbst gute Wünsche für Weihnachten und das neue Jahr,  „auch von meiner Mutter“, nicht. Noch monatelang ging danach ein Schriftwechsel zwischen den Universitätsbehörden und der Mutter hin und her wegen ausstehender Studiengebühren, da war der Sohn längst in Westberlin.

Auszug aus dem handschriftlichen Lebenslauf von Manfred Ranft
Auszug aus dem handschriftlichen Lebenslauf von Manfred Ranft

humanistische Kreuzgymnasium in Dresden, wo ich im selben Jahr das Abitur mit der Note ,sehr gut“ ablegte. Von 1948 bis 1952 studierte ich an der Universität Leipzig Rechtswissenschaften, konnte aber dort infolge meiner politischen Einstellung das Studium nicht erfolgreich abschließen. Von 1953 bis 1955 schloß ich an der Freien Universität Berlin ein Nachstudium an und legte am 11. Juli 1956 vor dem Justizprüfungsamt Berlin das erste juristische Staatsexamen mit der Note ,voll befriedigend“ ab.“

Das war im Jahr 1953, einer Zeit, in der sich die Spur von manchem Universitätsangehörigen verlor, der fortan sein Glück im Westen des Landes suchte. Dass wir den Fortgang einer Studentenbiographie so genau nacherleben können, bleibt eine seltene Ausnahme.

„Verteidigung der Kindheit“ im „Literarischen Quartett“ mit MRR bei Youtube

Universitätsarchiv Leipzig 2015.