//Joseph Roth in Leipzig | Radetzkymarsch oder Wie es zu dem Titel kam

Joseph Roth in Leipzig | Radetzkymarsch oder Wie es zu dem Titel kam

Als Joseph Roth mit Gustav Kiepenheuer zum Café Felsche flanierte, sah der Augustusplatz so aus....


 Joseph Roth 1930 in Leipzig: Im Café Felsche (hinten rechts, neben Paulinerkirche)  wurde gefeiert, auf dem Leipziger Augustusplatz entstand beim Spaziergang mit dem Verleger der Titel „Radetzkymarsch“. 

Leipziger Begegnung

Bei einer denkwürdigen  Begegnung auf dem Leipziger Augustusplatz entstand der Titel für einen großen Roman. Für Marcel Reich-Ranicki gehörte er zu den grossen Romanen der Weltliteratur. Der Verleger Gustav Kiepenheuer und Joseph Roth trafen sich zum Flanieren wohl um 1930.

„Wie es zu dem Titel kam – der schon feststand als Roth Stefan Zweig über die frühesten Pläne seines Buches unterrichtete – schildert der Verleger Gustav Kiepenheuer:

“ Eines Tages gingen Roth und ich auf dem Augustusplatz in Leipzig auf und ab und besprachen den Druck des Buches und suchten einen Titel. Als ich rief Radetzkymarsch umarmte er mich, faßte mich am Arm und zug mich zu Felsche, den Einfall begiessen. Dann holte er seine flache silberne Uhr aus der Weste, öffnete den Deckel, ritzte mit einem Messer dort das Datum, unsere Namen und den Radetzkymarsch ein und überreichte sie mir, bis sie mir im Krieg verlorengegangen ist, wie Joseph Roth selbst.“

Verlust von Heimat

Der Untergang Österreichs steht in Roths Schaffen als Metapher für den schmerzlichen Verlust von Heimat. In seinem Vorwort zum Vorabdruck des Radetzkymarsch in der Frankfurter Zeitung schreibt er:

„Ein grausamer Wille der Geschichte hat mein altes Vaterland, die österreichisch-ungarische Monarchie, zertrümmert. Ich habe es geliebt, dieses Vaterland, das mir erlaubte, ein Patriot und ein Weltbürger zugleich zu sein, ein Österreicher und ein Deutscher unter allen österreichischen Völkern. Ich habe die Tugenden und die Vorzüge dieses Vaterlands geliebt, und ich liebe heute, da es verstorben und verloren ist, auch noch seine Fehler und Schwächen. Deren hatte es viele. Es hat sie durch seinen Tod gebüßt. Es ist fast unmittelbar aus der Operettenvorstellung in das schaurige Theater des Weltkriegs gegangen.“

Radetzkymarsch 1932

Joseph Roth: Radetzkymarsch. Roman. Erstausgabe. Verlagsumschlag in Klarsichtfolie eingelegt. Berlin: Kiepenheuer & Witsch 1932. Freundlichst: Foto H.-P.Haack

In einem Brief an Stefan Zweig schrieb  er:

„Inzwischen wird es Ihnen klar sein, daß wir großen Katastrophen zutreiben. Abgesehen von den privaten – unsere literarische und materielle Existenz ist ja vernichtet – führt das Ganze zum neuen Krieg. Ich gebe keinen Heller mehr für unser Leben. Es ist gelungen, die Barbarei regieren zu lassen. Machen Sie sich keine Illusionen. Die Hölle regiert.“


Der Schriftsteller Joseph Roth wurde am  2. September 1894 in Brody, Ostgalizien, geboren. Roths Ende ist fürcherlich. 1933 geht er nach Paris ins Exil, der körperliche Verfall beschleunigt sich, der unaufhörliche Alkoholkonsum führt zu einer Leberzirrhose. Er schreibt er in diesen sechs Jahren bis zu seinem Tod am 27. Mai 1939 noch zwölf Romane und Erzählungen, zuletzt die „Legende vom Heiligen Trinker“. Als er am 23. Mai 1939 im Café Le Tournon vom Freitod seines Freundes Ernst Tollers erfährt, bricht er zusammen. Vier Tage kämpft er, ans Bett gefesselt, dann stirbt er.Er starb am  27. Mai 1939 in Paris.


Literaturtipp:

David Bronson. Joseph Roth. Eine Biographie. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1993.


Joseph Roth was born in Brody in Galicia, then part of the Habsburg Monarchy, now Ukraine, on September 26, 1894 in the family of Maria (Miriam) Roth nee Gruebel and Nahum Roth. He worked as a journalist before focusing on writing novels and short stories. Joseph Roth died in the Necker hospital in Paris on May 27, 1939. His wife, Friederike (Friedl), who was diagnosed with schizophrenia in 1928, lived in an Austrian mental sanatorium, where she was killed in the Nazi euthanasia program in 1940

Magazin 2015.