Studentischer Widerstand und politische Opposition

“Kurz nach meinem 16. Geburtstag gab es einen besonderen Höhepunkt für die ‘Junge Gemeinde’ in Leipzig: Werner hatte eine Freizeitwoche am Wannsee in Westberlin organisiert. Das war in der ersten Augustwoche 1947. Dort führte er mit mir allein eine Aussprache. Er schilderte mir die Situation in der SBZ aus seiner Sicht und äußerte sich dahingehend, daß er diese bedrückende Lage nicht mehr ruhig hinnehmen kann. “

Mitte der 1990er Jahre, als sich die Universitätsstruktur mit der Neugründung fast aller Fakultäten und Institute erneuert hatte, meldeten sich auch die ersten Zeitzeugen und Alumni, um ihren Teil zur Vergangenheitsaufarbeitung beizutragen. Zunächst galt es für die Universität jedoch erst einmal, diesen jüngsten Teil ihrer eigenen Geschichte wissenschaftlich aufzuarbeiten und die berechtigten Anliegen der Betroffenen ernstlich zu untersuchen.

In öffentlichkeitswirksamer Form entstand dazu eine Ausstellung zum „Studentischen Widerstand an der Universität Leipzig 1945-1955“, die seit 1996 in mehr als fünfzehn Ausstellungsorten gezeigt wurde. Sie dokumentierte Schicksale von Studenten, die dem nach 1945 einsetzenden ideologischen Druck nicht nachgaben und dafür, oft wegen unhaltbarer Vorwürfe, kriminalisiert und verurteilt wurden. Einige von ihnen, wie Werner Ihmels, Herbert Belter oder Heinz Eisfeld, mussten für ihre politischen Ideale mit dem Leben büßen. Andere, wie Wolfgang Natonek, wurden in exemplarischer Form von sowjetischen Militärtribunalen zu oft lebenslangen Haftstrafen verurteilt.

Werner Ihmels lehnte aus evangelisch-protestantischer Überzeugung – er stammte aus einer alten Leipziger Theologenfamilie – bereits als Schüler das nationalsozialistische System ab. Nach 1945 setzte er sein Theologiestudium in Leipzig fort und arbeitete aktiv in der christlichen Jugendarbeit. Er übernahm die Leitung eines eigenen Bibelkreises im Leipziger Missionshaus. Mit seiner Lebenserfahrung, seinem gründlichen Wissen und seiner offenen Art gelang es ihm, Jugendliche für die kirchliche Arbeit zu begeistern. Eine christliche Jugendarbeit war in der FDJ aber nicht erwünscht. Zum Eklat kam es bereits zum I. Parlament der FDJ im Juni 1946. Von der sowjetischen Besatzungsmacht wurde den christlichen Jugendkreisen nach erregten Diskussionen eine “gewisse Autonomie” zugestanden, aber ohne deutliche Klärung dieses Begriffes. Werner Ihmels musste ein Jahr später in einem Gespräch mit Erich Honecker dessen Auslegung schmerzlich erfahren: für Honecker bedeutete das nur die Freiheit Gottesdienste zu besuchen, alle anderen Formen der Jugendarbeit galten als Angelegenheit der FDJ. Einwendungen und Erwiderungen von Ihmels blieben ergebnislos. So zog er die Konsequenzen. In einem Erinnerungsbericht von Horst Krüger heißt es dazu: “Kurz nach meinem 16. Geburtstag gab es einen besonderen Höhepunkt für die ‘Junge Gemeinde’ in Leipzig: Werner hatte eine Freizeitwoche am Wannsee in Westberlin organisiert. Das war in der ersten Augustwoche 1947. Dort führte er mit mir allein eine Aussprache. Er schilderte mir die Situation in der SBZ aus seiner Sicht und äußerte sich dahingehend, daß er diese bedrückende Lage nicht mehr ruhig hinnehmen kann. Er hätte die Möglichkeit, Nachrichten an die im Herbst 1947 in London stattfindende Konferenz der Siegermächte zu übermitteln. Dort würde auch der Abschluß des längst fälligen Friedensvertrages mit Deutschland verhandelt, wozu aber auch Informationen über die tatsächlichen Zustände in der SBZ erforderlich seien. Ob ich mich bei der Beschaffung solcher Nachrichten beteiligen wolle – es wäre natürlich strengste Verschwiegenheit erforderlich. Ich sagte zu.” [1]

Werner Ihmels gewann noch einige Jugendliche hinzu, die übermittelten Informationen dürften mehr von allgemeiner Natur gewesen sein, da sie zu Geheimmaterial keinen Zugang hatten. Plötzlich und unerwartet erfolgte die Verhaftung (15./16. September 1947), vermutlich durch einen Verräter in den eigenen Reihen. Gemeinsam mit Ihmels wurden Horst Krüger, ein damals 16-jähriger Oberschüler und Wolfgang Weinoldt, Immatrikulationsreferent im Studentenrat (CDU), verhaftet. Durch die sowjetische Anklage wurde eine konspirative Tätigkeit und Spionage konstruiert. Am 2. Dezember 1947 wurden sie von einem sowjetischen Militärtribunal verurteilt: Ihmels und Krüger bekamen je 25, Weinoldt 15 Jahre Arbeitslager. Zusammen brachte man sie in das “Gelbe Elend”, die berüchtigte Gefängnisanstalt in Bautzen. Dort war die Sterblichkeitsrate unter den Häftlingen extrem hoch. Ihmels und Krüger erkrankten beide an Tbc. Werner Ihmels starb am 25. Juni 1947. Die beiden anderen kamen erst nach Jahren frei.

Die Belter-Gruppe, die eigentlich erst durch ihr gemeinsames Schicksal nach der Verhaftung zu einer Gruppe geworden war, erlebt in politischer Hinsicht schon eine ganz andere Hochschule. Öffentliche Auseinandersetzungen mit dem DDR-System waren unmöglich geworden, Protest konnte sich nur noch in verdeckten Aktionen äußern. Eine dieser Aktionen, die eher politischen Jugendstreichen ähnelten als wirklich “antidemokratisch” oder “konterrevolutionär” zu sein, führte zur Verhaftung Herbert Belters.

Die mit aller Macht und oftmals mit ebensolcher Ignoranz betriebene Umwandlung der Universität Leipzig in eine “sozialistische Bildungsstätte” führte konsequenterweise zu einer Polarisierung. Aus dem Gefühl einer ohnmächtigen Verweigerungshaltung heraus, erfolgte vermutlich auch die erste Kontaktaufnahme einiger Studenten mit dem im Westteil Berlins tätigen Rundfunksender RIAS. Ende Mai 1950 nahm Helmut du Mênil brieflichen Kontakt mit Richard Löwenthal beim RIAS auf. Belter erhielt durch seinen Freund Kenntnis von dem Brief, und Anfang Juni fuhren beide gemeinsam nach Westberlin. Dort berichteten sie im Gespräch mit Löwenthal über die Lage an der Universität Leipzig und erhielten bald Informationsmaterial, in Form von Flugblättern und Broschüren. Gleich zu Anfang weihte Belter die Freunde Siegfried Jenkner und Werner Gumpel in seine politischen Absichten ein und übergab ihnen Material.

Ende Juni 1950, kurz nach dem Beginn des Korea-Krieges, sah Belter eine Gelegenheit, mit weiteren Studenten offen zu sprechen. Über seinen Kommilitonen Karl Miertschischk wurde Material an Studenten der Chemie verteilt, einige Broschüren gelangten auch in die Medizinische Fakultät.

Die Beteiligten trafen sich in kleinen Gruppen und diskutierten über politische Fragen. Im September 1950 erhielt Belter ein großes Paket mit Flugblättern und Broschüren vom RIAS. Als nächste Aktion plante er, im Vorfeld der Wahlen zur Volkskammer die erhaltenen Flugblätter in der Innenstadt anzukleben.

Für die SED waren die anstehenden Volkskammerwahlen am 15. Oktober 1950 eine besonders sensible Angelegenheit, nicht nur, dass es die ersten Wahlen überhaupt in der DDR waren, sie wurden in neuartiger Form als Blockwahl der Nationalen Front durchgeführt. Das bedeutete für die Wähler, keine wirkliche Auswahl unter verschiedenen Kandidaten und Parteien zu treffen, sondern lediglich eine Bestätigung der aufgestellten Kandidaten der Nationalen Front vorzunehmen, in der die SED überdurchschnittlich stark vertreten war. Überall wurden deshalb Propagandakampagnen initiiert. An der Universität startete die FDJ mit einem Aufruf “10 Tage Kampf und Organisierung des Sieges der Liste des demokratischen Deutschlands”, in der man vom 5. bis 15. Oktober die Studenten zur Wahl der Einheitsliste gewinnen wollte.

Unter diesem Aspekt hätte eine erfolgreiche Flugblattaktion politisches Aufsehen erregt und den Machthabern einen empfindlichen Stich versetzt – Belter wurde jedoch bei dieser Aktion verhaftet und bei einer Wohnungsdurchsuchung fand sich belastendes Material, was zu weiteren Verhaftungen führte.

In den nächsten Tagen wurden darauf Werner Gumpel, Siegfried Jenkner, Otto Bachmann, Ehrhardt Becker, Peter Eberle, Rolf Grünberger, Günther Herrmann, Karl Miertschischk und Hans‑Dieter Scharf verhaftet.

Nach dem Prozess vor einem sowjetischen Militärtribunal wurde Herbert Belter heimlich, ohne Information an seine Angehörigen, in Moskau erschossen. Die anderen Verurteilten verschwanden in den sowjetischen Zwangsarbeitslagern und kehrten erst im Herbst 1955 zurück. Fast alle gingen nach ihrer Heimkehr in die Bundesrepublik Deutschland.

Eine weitere Studentengruppe um Heinz Eisfeld hatte sich schon in den gemeinsamen Jahren an der Oberschule in Meuselwitz zwischen 1943 und 1951 als Freundeskreis gebildet. Bereits zur Zeit des Krieges hatten die meisten von ihnen die Oberschule besucht und noch die nationalsozialistische Ideologie in der Schule kennengelernt. Durch den demokratischen Neubeginn ab 1945 schien sich nun alles zum Besseren zu wenden. Doch in den Jahren bis 1950 bzw. 1951, als die Abiturienten die Schule verließen, geschahen einschneidende Veränderungen im gesellschaftlichen System der SBZ, schließlich wurde die DDR gegründet. Das ging auch an den Schulen nicht spurlos vorüber. Den Abiturienten wurde es immer mehr zur Pflicht gemacht, sich nach außen hin nicht nur loyal, sondern gar als überzeugter Anhänger des neuen Systems zu präsentieren. Die Mitgliedschaft in der FDJ, der DSF (Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft) wie die aktive Mitwirkung als “Friedenskämpfer” für “Einheit und gerechten Frieden” waren schon fast Selbstverständlichkeiten geworden.

In kleinen Zirkeln diskutierte man jedoch unter Gleichgesinnten die Fragen der Zeit, die viele bewegten und auf die man Antworten höchstens in westlicher Literatur fand. So kursierten in diesen kleinen Gruppen auch viele Schriften und Flugblätter, die man bangen Herzens weitergab.

Nach dem Abitur trennten sich die Wege der Schüler, die neuen Anforderungen an der Universität setzten zunächst andere Prioritäten. Die Verbindungen zwischen den alten Klassenkameraden wurden lockerer. Ein Teil der Gruppe fand sich an der Universität Leipzig wieder zusammen und setzte auch die Diskussionsrunden fort. Aber plötzlich, auf eine sehr unerwartete Weise, sahen sich viele von ihnen wieder. Durch die Verhaftung eines ehemaligen Lehrers der Meuselwitzer Oberschule erhielt der NKWD Kenntnis von dem früheren Schülerkreis. Darauf folgte eine Verhaftungswelle im April 1952. Aus den spärlichen Angaben konstruierten die Russen eine Gruppe, die auf Grund unbewiesener und falscher Beschuldigungen im Juli 1952 vor ein Militärtribunal in Potsdam gestellt wurde. Von den sieben Angeklagten wurden Heinz Eisfeld, Ernst Friedrich Wirth, Heinz Baumbach und Helmut Paichert zum Tode verurteilt. Als jüngster der vier Todeskandidaten wurde Ernst Friedrich Wirth schließlich zu 20 Jahren Arbeitslager begnadigt. Hans Günter Aurich, Ulrich Kilger und Helmut Tisch erhielten jeweils 25 Jahre Arbeitslager.

Im Falle des Leipziger Studentenratsvorsitzenden Wolfgang Natonek lag der SED jedoch vielmehr daran, ein öffentliches Zeichen zu setzen. Natonek war einer der bekanntesten und herausragendsten Vertreter der Studentenschaft der damaligen Zeit. Sein couragiertes Auftreten war nicht nur für Leipzig bestimmend, es strahlte weit über die Grenzen der SBZ hinaus. Bereits von früh an war er zur kritischen Distanz gegenüber den nationalsozialistischen Machthabern erzogen worden. 1941 als staatenloser „Halbarier“ aus der Wehrmacht entlassen, arbeitete er in einer Autowerkstatt und versteckte kurz vor Kriegsende drei geflohene russische Kriegsgefangene. Nach dem Ende des Krieges ergaben sich auch für ihn wieder neue Möglichkeiten und er beschloss, damals 26jährig, ein Studium aufzunehmen.

Seit dem Herbst 1945 hatte er sich politisch für die LDP entschieden und seine Partei stellte ihn als Kandidat für die Studentenratswahlen im Februar 1946 auf. Die LDP wurde stärkste politische Kraft und Natonek zum Vorsitzenden des Studentenrates gewählt.

Die polemischen Auseinandersetzungen um das bevorzugte Studium von Arbeiter- und Bauernkindern führten zu heftigen Kontroversen. In diesem Sinne war auch sein damals oft angeführtes, überspitztes Zitat über die „nichtprolet-arische“ Großmutter zu verstehen, die den Zugang zur Hochschule verhindern könnte. Nach vergeblichen politischen Isolationsversuchen wurde Natonek schließlich auf Verlangen der SED durch die sowjetische Besatzungsmacht in der Nacht vom 11. zum 12. November 1948 verhaftet und zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt. Einen Teil der Strafe verbüßte er in Torgau und Bautzen, nach seiner Entlassung im Jahre 1956 blieb er nur kurz in Leipzig und siedelte bald in die Bundesrepublik Deutschland über. [2]

Neben den hier genannten Namen wurden zahlreiche weitere junge Leute aus dem akademischen Umfeld bestraft und aus politischen Gründen verurteilt: sie verschwanden für lange Haftzeiten in ostdeutschen Gefängnissen, wurden zu lebenslanger Zwangsarbeit in der Sowjetunion verurteilt und in Schweigelager verschleppt. Mit einer Auflistung der rund 80 Namen von verhafteten und ermordeten Studenten konnte auch dokumentiert werden, dass es sich keineswegs um individuelle Einzelfälle, sondern vielmehr um systematische Unterdrückungsmaßnahmen gehandelt hatte.

Zum ehrenden Gedenken an die großen Verdienste dieser Leipziger Studenten um Freiheit und Demokratie wurde im Jahre 1996 der Wolfgang-Natonek-Preis gestiftet. Die „Vereinigung der Freunde und Förderer der Universität Leipzig e.V.“ verleiht seither jährlich diesen von der Leipziger Sparkasse finanzierten Preis. Als Preisträger kommen ausschließlich Studierende in Frage, die sich durch besondere Studienleistungen und gesellschaftliches Engagement ausgewiesen haben.

Um das große Interesse der Öffentlichkeit an diesem bis dato weithin unbekannten Thema zu befriedigen, wurde ein reich bebildertes Buch zur Ausstellung nachgereicht. Im Jahre 1997 erschien der erste Katalog zur Ausstellung, der schon wenige Monate später in einer zweiten, erweiterten Version und in höherer Auflage nachgedruckt wurde. [3] Der Katalog bot eine übersichtliche Darstellung der damals nur in ersten Ansätzen bekannten Geschichte des studentischen Widerstandes in Leipzig an und orientierte sich an den Schwerpunkten der Ausstellung. Vor allem zahlreiche Faksimiles und historische Textdokumente sollten auch der jungen Studentengeneration einen direkten, natürlich gut kommentierten Einstieg in die stalinistischen Zeitverhältnisse ermöglichen.

Noch im gleichen Jahre wurde im Universitätsarchiv auch eine kleinere Ausstellung erstellt, die sich speziell mit der Verfolgung christlicher Studentengruppen in den 1950er Jahren beschäftigte. Die Ausstellung „Gegen den Strom. Christliche Studenten an der Karl-Marx-Universität Leipzig.“ konnte im Juni 1997 im Hochschulzentrum des 27. Deutschen Evangelischen Kirchentags in Leipzig eröffnet werden. Sie beschäftigte sich vor allem mit der Verdrängung kirchlicher Jugendarbeit aus dem öffentlichen Bildungsraum und der Verfolgung ostdeutscher Christen.

Nach dem Beschluss zum “Aufbau des Sozialismus” 1952 auf der 2. Parteikonferenz der SED orientierte sich das Hochschulstudium stärker auf die Erziehung neuer marxistischer Eliten. Gleichzeitig begann ein Kreuzzug gegen den “inneren Feind”, den man in der Jungen Gemeinde bzw. den Studentengemeinden vermutete. Der “Kulturkampf” erreichte im April und Mai 1953 mit den Hetzartikeln in der “Jungen Welt” seinen Höhepunkt. An der Universität Leipzig folgte eine Welle von Disziplinarverfahren gegen Mitglieder der Evangelischen Studentengemeinde. Eine gewisse Entspannung der Lage erfolgte erst nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953. Mit der Volkserhebung 1956 in Ungarn war die Zeit des ausgleichenden Umgangs mit der kirchlichen Jugendarbeit wieder vorbei: 1957 folgte ein politischer Schauprozess gegen den evangelischen Studentenpfarrer Siegfried Schmutzler. Vier lange Haftjahre (von 1957 bis 1961) musste Schmutzler absitzen, ebenso wie einige der beteiligten Studenten zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden.

Besonders froh war das Universitätsarchiv auch, dass sich aus dieser Aufarbeitungstätigkeit weitere Kontakte mit den Familien der Hinterbliebenen ergaben, die etwa zur Übergabe der Nachlässe des Studentenpfarrers Schmutzler (an das UAL übergeben im Jahre 2006) oder von Werner Ihmels (1999) führten. Dank weiterführender Information aus den Kreisen von Betroffenen oder Hinterbliebenen konnten bisher unbekannte Schicksale aufgehellt werden. So wurde die Ausstellung erweitert mit Informationen etwa zu Helmut Sonnenschein und Annerose Matz-Donath. Heute befinden sich die persönlichen Unterlagen dieser verfolgten Hochschulangehörigen im Universitätsarchiv Leipzig und stehen damit der öffentlichen Forschung zur Verfügung.

Helmut Sonnenschein gehört zu den Opfern des stalinistischen Terrors, dessen Schicksal lange Zeit unbekannt blieb. Im November 1950 wurde er in einer verdeckten Aktion von Mitarbeitern der Staatssicherheit aus seinem Haus gelockt, verhaftet und entgegen der Verfassung der DDR an den sowjetischen Geheimdienst ausgeliefert. Das berüchtigte Militärtribunal 48240 verurteilte ihn am 26. April 1951 in Berlin zum Tode, wegen angeblicher Spionage für den englischen und amerikanischen Geheimdienst. Das Todesurteil wurde im Juli 1951 durch Erschießen vollstreckt – erst 1994 wurde seine Unschuld offiziell von russischer Seite bestätigt und die vollständige Rehabilitierung durch den Generalstaatsanwalt der Russischen Föderation postum erklärt. [4]

Annerose Matz-Donath hatte 1941/43 an der Universität Leipzig drei Semester Germanistik, Geschichte, Kunstgeschichte und Soziologie studiert. 1948 wird sie als geschäftsführende Chefredakteurin der Liberal-Demokratischen Zeitung in Halle verhaftet und von einem Sowjetischen Militärtribunal zu Unrecht wegen Spionage zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt. Sie verbrachte 12 Jahre in Gefangenschaft, unter anderem in Bautzen, Sachsenhausen, Hoheneck – bis zum Hungerstreik im Oktober 1953. Anschließend kam sie als „Rädelsführerin“ nach Brandenburg-Görden und zuletzt in den berüchtigten „Roten Ochsen“ in Halle. Nach ihrer Entlassung beginnt für die Journalistin Annerose Matz-Donath 1960 in der Bundesrepublik ein neues Leben. Die Schicksale der mit ihr verurteilten Frauen arbeitete sie im Jahre 2000 in einer Publikation auf und gab diesen häufig Vergessenen damit ein Stück verlorener Identität wieder. [5]

Besonders wertvoll war der Austausch mit einem früheren Hallenser Studenten, mit Horst Hennig, der als aktiver Verbindungsmann weiterführende Kontakte herstellte und hochgeschätzte Informationen beisteuerte. Als ein Ergebnis der fruchtbaren Zusammenarbeit legte Hennig selbst detaillierte Publikation vor, die fast alle im Leipziger Universitätsverlag erschienen sind und in ihrer Gesamtheit heute eine hervorragende Aufarbeitung von ostdeutschen Studentenschicksalen der benachbarten Schwesteruniversität ergeben. [6]

Horst Hennig wurde im April 1948 zur Immatrikulation an der Medizinischen Fakultät in Halle zugelassen. Der Verhaftung durch den sowjetischen Geheimdienst im März folgte am 18. September 1950 die Verurteilung durch ein Militärtribunal in Halle zu 25 Jahren Zwangsarbeit. Erst im Jahre 1955 erfolgten seine Repatriierung nach Westberlin und die Wiederaufnahme des Medizinstudiums an der Universität zu Köln im April 1956. Seit 1962 im Sanitätsdienst der Bundeswehr tätig, beschäftigte er sich nach dem Zusammenbruch des Ostblocks mit der Aufarbeitung des studentischen Widerstandes und unternahm schon 1992 mehrere Archivreisen nach Moskau und Workuta und ist bis heute ehrenamtlich in Stiftungen und Verbänden tätig.

Dank seiner Hilfe war es möglich, in Zusammenarbeit mit anderen mitteldeutschen Hochschulen und dank des Engagements weiterer unschuldig verurteilter und inzwischen meist rehabilitierter Studenten, eine mitteldeutsche Perspektive zum studentischen Widerstand zu entwerfen. Im Jahre 2003 entstand, auch dank seiner engagierten Mitwirkung, die Ausstellung „Von der Universität in den GuLAg. Studenten mitteldeutscher Universitäten im sowjetischem Straflager Workuta 1945 bis 1995.“ Diese Ausstellung war als Wanderausstellung konzipiert und an verschiedenen Hochschulstandorten zu sehen. Neben den Leipziger Studenten wurde nun auch über die Schicksale der Gruppe um Horst Hennig, über Martin Hoffmann (Student an der Ingenieurschule Mittweida, unschuldig zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt), sowie über die beiden Dresdner Studenten Horst Schakat und Dietrich Hartwig (beide an der TH Dresden immatrikuliert und jeweils unschuldig zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt) berichtet.

Ausstellungsbegleitend entstand wiederum ein Katalog, der auf rund 300 Druckseiten ein realitätsnahes Bild von der Errichtung des sozialistischen Hochschulwesens in Mitteldeutschland zeichnete und zahlreiche Opfer benannte. [7] Inzwischen war die Namensliste der verfolgten und ermordeten Hochschulangehörigen bereits auf gut 340 bekannte Studentenschicksale angestiegen, darunter waren nun schon 92 Namen aus der Leipziger Universität.


[1] Manuskript im Universitätsarchiv Leipzig (UAL), PA-SG 508.

[2] In letzter Zeit dazu: Hans Natonek/ Wolfgang Natonek. Briefwechsel 1946-1962, Herausgegeben und kommentiert von Steffi Böttger, Leipzig 2008.

[3] Wiemers, Gerald / Blecher, Jens: Studentischer Widerstand an der Universität Leipzig 1945-1955. Herausgegeben von der Universität Leipzig und der Vereinigung von Förderern und Freunden der Universität e.V. 1. Auflage, Leipzig 1997. 2. Ergänzte und erweiterte Auflage, Leipzig 1998.

[4] Leipziger Universitätsjournal Heft 4/2006.

[5] Matz-Donath, Annerose: Die Spur der roten Sphinx. Deutsche Frauen vor sowjetischen Militärtribunalen, Koblenz 2000.

[6] Foitzik, Jan/ Hennig, Horst (Hg.): Begegnungen in Workuta. Erinnerungen, Zeugnisse, Dokumente, Leipzig 2003.; Graffius, Klaus-Peter/ Hennig, Horst (Hg.): Zwischen Bautzen und Workuta. Totalitäre Gewaltherrschaft und ihre Folgen, Leipzig 2004.; Hedeler, Wladislaw/ Hennig, Horst (Hg.): Schwarze Pyramiden, rote Sklaven. Der Streik in Workuta im Sommer 1953, Leipzig 2007.; Gerstengarbe, Sybille/ Hennig, Horst (Hg.): Opposition, Widerstand und Verfolgung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 1945-1961, Leipzig 2010.

[7] Blecher, Jens/ Wiemers, Gerald (Herausgeber): Studentischer Widerstand an den mitteldeutschen Universitäten 1945 –1955. Von der Universität in den GULAG. Studentenschicksale im sowjetischen Straflager Workuta 1945 bis 1955. 1. Auflage, Leipzig 2005. 2. Ergänzte und erweiterte Auflage, Leipzig 2006.