Der Literaturwissenschaftler Martin Greiner

Der Leipziger Literaturwissenschaftler Martin Greiner, talentiert und hochgelobt von seinen akademischen Lehrern, ist nahezu in Vergessenheit geraten. In seiner Biographie spiegeln sich Eingriffe und Umbrüche durch die Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Sein Geburtstag am 23. November 2004 ist Anlass, sich seiner zu erinnern. Martin Greiner wurde als Sohn des Notenstechers Richard Greiner im Leipziger Osten geboren. Nach dem Besuch der Bürgerschule folgte die renommierte Nikolaischule.

Dort bestand er 1925 die Reifeprüfung und nahm noch im gleichen Jahr an der Universität seiner Vaterstadt das Studium der Germanistik, Philosophie und Geschichte auf. Sein Hauptinteresse galt der neueren deutschen Literatur. Zu seinen herausragenden akademischen Lehrern gehörten die Germanisten Hermann August Korff, Theodor Frings und Georg Witkowski, die Historiker Erich Brandenburg, Alfred Doren und Siegmund Hellmann, die Philosophen Hans Driesch und Theodor Litt sowie der Religionsphilosoph Paul Tillich. Von den Genannten gehörten allein sechs nach 1933 zu den verfolgten, vertriebenen oder, wie im Falle Hellmann, zu den im KZ umgekommenen Professoren. Als Greiner 1929 mit der Arbeit „Das frühromantische Lebensgefühl in der Lyrik von Tieck und Novalis“ bei Korff und Frings mit dem Prädikat „Sehr gut“ promovierte, schien die Welt noch leidlich in Ordnung. Die Arbeit ist, so Korff, durch „eine ganz ungewöhnliche Sprachmeisterschaft des Verfassers charakterisiert“. Wir fi nden diese bildhafte und geschliffene Sprache wieder in seinen späteren Werken, insbesondere in seinen Arbeiten zur spätmittelalterlichen Prosa, beispielsweise zu Heinrich Seuse (1295 – 1366). In dieser Zeit verfügte Martin Greiner über kein eigenes Einkommen. Sein Vater hatte einen wöchentlichen Lohn von 73,00 Reichsmark. Damit konnte die Familie gerade den Lebensunterhalt bestreiten.

Für die Kosten des Promotionsverfahrens musste Greiner ein Darlehen von 350,00 Mark aufnehmen. Den Druck der Dissertation in Höhe von ca. 850 Reichsmark konnte er nicht bestreiten. Immerhin gewährte ihm die Philosophische Fakultät einen Druckzuschuss von 150 Mark. Ausgerüstet mit einem Stipendium der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft konnte Greiner seine Studien fortsetzen. Bei Walter Brecht in München wollte er sich für neuere deutsche Literaturgeschichte habilitieren. Das Jahr 1933 mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten beendete diese Pläne. Greiner war verlobt mit einer sogenannten nichtarischen Frau, der Tochter des Komponisten und Senators Prof. Robert Kahn. Im September wechselte Greiner in das Verlagswesen, erst zu Koehler & Volkmar und später als Lektor zum L. Staackmann Verlag.

Ende 1934 erfolgte seine Eheschließung. Aus der Ehe mit der Musiklehrerin Irene, geb. Kahn, sind drei Kinder hervorgegangen: Gottfried (1940), Martina (1944) und Thomas (1948). 1937, so schreibt Martin Greiner in einem späteren Lebenslauf, wurde „ein Verfahren wegen Ausschluss aus der Reichsschrifttumskammer gegen mich eingeleitet“, für die Dauer des Krieges 71 aber ausgesetzt. Die Gestapo verhaftet Greiner 1944 und verschleppt ihn in das Zwangsarbeitslager Osterode im Harz. Unmittelbar nach Kriegsende kehrt er nach Leipzig zurück. „Das Jahr 1945“, schreibt Therese Poser, seine Leipziger Assistentin in den 2005 erscheinenden „Sächsischen Lebensbildern“, Band 6, „brachte ihm die Rückkehr zu seiner Frau, die sich in einem mecklenburgischen Dorfe bei Freunden verborgen gehalten hatte, und zu seinen beiden im Kriege geborenen Kindern“. Greiner ist anerkanntes Opfer des Faschismus (OdF) und gehört zu den Gründungsmitgliedern der CDU, deren Mitglied er am 24. September 1945 wird. Zunächst baut er den L. Staackmann Verlag wieder auf und wird literarischer Berater des Insel-Verlages für die sowjetisch besetzte Zone. Sein Ziel bleibt aber die Universitätslaufbahn. Bereits 1947 habilitiert er sich im wesentlichen mit seiner alten Arbeit „Das Naturgefühl in der Lyrik des XIX. Jahrhunderts“, die von Walter Brecht damals angenommen worden ist, vermehrt um ein großes neues Kapitel, den dritten Band. Betreut wird die Arbeit von den Germanisten Hermann August Korff und Theodor Frings. Korff schreibt in seinem Gutachten vom 8. Juli 1947: „Herr Dr. Greiner ist einer meiner ältesten und begabtesten Schüler. Er hat mit einer vortreffl ichen Arbeit über das romantische Naturgefühl im Jahre 1932 promoviert und die Absicht gehabt, mit der Fortführung dieser Arbeit aus bestimmten privaten Gründen“, gemeint ist der Schutz seiner jüdischen Frau, „sich in München“ und nicht in Leipzig „zu habilitieren.“ Korff fährt fort, dass das nach 15 Jahren hinzugefügte Kapitel „aus einem 3. Bande“ besteht, „der von Heine handelt und den Dr. Greiner im letzten Jahr geschrieben hat“. Dem positiven Urteil von Korff schließt sich Frings einen Tag später an: „Einverstanden, vor allem auch mit Rücksicht auf Persönlichkeit und Lehrbegabung und Verantwortungsbewußtsein.“ Bereits am 30. Juli 1947 konnte Greiner das Habilitationsverfahren mit einem Vortrag „Die Wissenschaft von der Dichtung“ abschließen. Das Gesamturteil ist überwältigend: „Die vorzüglichen Leistungen werden als voll befriedigend anerkannt.“

Noch Ende des Jahres schlägt Korff seinen Assistenten der Philosophischen Fakultät für ein Extraordinariat vor. Greiner selbst sah sich in der Tradition von Georg Witkowski und refl ektierte auf dessen außerordentliche Professur, die 1945, sechs Jahre nach dem Tod des großen deutsch-jüdischen Literaturwissenschaftlers, aus Kostengründen gestrichen worden war . Die Landesregierung, besonders das Ministerium für Volksbildung, hatte kaum Zeit gehabt, auf den Vorschlag der Fakultät zu reagieren, als schon ein Angebot 72 der Universität Rostock für eine ordentliche Professur vorlag. Noch stand die öffentliche Lehrprobe aus. Am 21. Januar 1948 hält Greiner die einstündige Vorlesung „Christian Fürchtegott Gellert als Erzieher“ im größten damals zur Verfügung stehenden Saal in Leipzig, dem Hörsaal III des HandelshochschulGebäudes in der Ritterstraße. „Die Vorlesung war klar“, so Korff in seinem Bericht, „zeigte einen zielsicher fortschreitenden Gedankengang und rundete sich zu einem wohlgeformten Ganzen, so dass sie auch pädagogisch allen Anforderungen an eine Lehrprobe entsprach.“ Am 10. April wird Greiner durch die Landesregierung Sachsen zum Professor mit vollem Lehrauftrag für neuere Sprache und Literatur ernannt.

Nur ein Jahr später, 1949, erhält er einen Ruf an die Universität Jena, den er ablehnt, weil er auf ein gleiches Angebot durch die Universität Leipzig hofft. Für die Durchführung der Studienpläne in deutscher Literaturgeschichte an der Universität Leipzig hält ihn sein Lehrer Korff 1952 für „schlechterdings unentbehrlich“. Das für Berufungen jetzt zuständige Staatssekretariat für Hochund Fachschulwesen der DDR sieht offenbar von einer Ernennung Greiners zum ordentlichen Professor ab. Stattdessen wird der aus der Emigration zurückgekehrte Hans Mayer, der seit 1948 in der Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät Kultursoziologie und Geschichte der Nationalliteraturen lehrt, im Juli 1952 auch zum ordentlichen Professor an die Philosophische Fakultät berufen. Dort vertritt er das Fach Geschichte der deutschen Literatur von 1848 bis zur Gegenwart. Es ergeben sich Überschneidungen und schließlich folgen Eingriffe in Greiners Vorlesungsangebote. Folgerichtig verlässt der Antifaschist Martin Greiner mit seiner Familie im Herbst 1952 die DDR und geht zunächst über Berlin nach Bayern. Erneut steht er vor einem Neuanfang und großen wirtschaftlichen Problemen. Erst 1955 erhält Greiner an der Universität Gießen einen Lehrauftrag für Literaturwissenschaft und 1958 eine ordentliche Professur für Literaturwissenschaft und deutsche Literaturgeschichte. Therese Poser hat sein Werk in grundsätzlich „drei bestimmte Epochen“ gegliedert und dafür Beispiele genannt. Die Aufklärung ist vertreten in dem von ihr selbst nach Greiners Tod herausgegebenen Buch „Die Entstehung der modernen Unterhaltungsliteratur. Studien zum Trivialroman des 18. Jahrhunderts“, Reinbeck 1964; für die zweite Gruppe sei beispielhaft genannt „Zwischen Biedermeier und Bourgeoisie. Ein Kapitel deutscher Literaturgeschichte im Zeichen Heines“, Leipzig 1954 und Lizenzsausgabe Göttingen 1953; und schließlich befasst sich Greiner auch mit der Literatur des 20. Jahrhunderts. „In zahlreichen Vorträgen und Aufsätzen“, berichtet Therese Poser, „hat sich 73 Greiner mit Rilke und Thomas Mann, mit Zuckmayer und Brecht, mit Kafka, Broch und Musil auseinandergesetzt.“ Martin Greiner starb noch nicht 55-jährig an den Folgen eines Autounfalls am 7. November 1959 in Gießen. Sein letzter Vortrag ist überschrieben „Lessing oder die Vernunft des Herzens“. Zur angekündigten Vorlesung über Lessing ist es nicht mehr gekommen.

Von Gerald Wiemers. Jubiläen 2004.

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