Hope Bridges Adams Lehmann | Geburtstag am 16. Dezember

 

Hope Bridges Adams Lehmann (1855 – 1916) gehört zu den Pionierinnen der Frauenbewegung. Sie war eine der ersten Ärztinnen in Deutschland, genauer: die erste Frau, die (1880 in Leipzig) ein medizinisches Staatsexamen ablegen durfte, und die dritte Ärztin, die im modernen Sinn universitär ausgebildet und approbiert war.

Am 16. Dezember 1855 wurde Hope Bridges Adams in Hallifort bei London geboren. Sie war das jüngste Kind des weit gereisten Ingenieurs und Publizisten William Bridges Adams und seiner (dritten) Frau Ellen. Hopes späteres politisches Engagement könnte durchaus in ihrem familiären Hintergrund seine Wurzeln haben, denn ihr Elternhaus war nicht nur durch technischen Ideenreichtum und musische Begabungen, sondern auch durch unkonventionelle gesellschaftskritische Positionen geprägt. Nach ihrem College-Abschluss 1873 zog Hope mit ihrer Mutter zunächst nach Dresden, möglicherweise um ihre Deutschkenntnisse für eine spätere Tätigkeit als Lehrerin zu vervollkommnen. Weshalb sie sich im Herbst 1876 entschloss, in Leipzig Medizin zu studieren, ist nicht bekannt. Neben Hope war in diesem Semester nur noch eine weitere Frau als Gasthörerin – ein anderer Status war nicht möglich – eingeschrieben, Marie von Oertel aus Odessa, die 1878 nach Bern wechselte; die liberale Schweiz bot studierwilligen Frauen schon damals die Möglichkeit zu Examen und Promotion, und viele angehende Medizinerinnen aus ganz Europa nutzten diese Chance. Die Leipziger Medizinische Fakultät war in den 1870er Jahren dem Frauenstudium gegenüber durchaus aufgeschlossen (in den 80er Jahren erlaubte das Kultusministerium keine neuen Hörerinnen mehr) und hatte Frauen sogar zur regulären Immatrikulation zulassen wollen, was jedoch ein Senatsbeschluss verhinderte. Das Hauptproblem bestand darin, dass Mädchen kein Abitur vorweisen konnten, da Gymnasien den Knaben vorbehalten waren. Erst etwa 10 bis 15 Jahre später gab es vereinzelt externe Kurse und separate Prüfungen; 1893 wurde in Karlsruhe das erste Mädchengymnasium eröffnet. In ihrem Status als Gasthörerinnen konnten die Medizinstudentinnen eigentlich kein Physikum ablegen, trotzdem schafften es Hope und auch Marie von Oertel, zu dieser Prüfung zugelassen zu werden, die allerdings trotz vollständigem Zeugnis nicht offiziell anerkannt wurde. Das Vorrücken in den klinischen Ausbildungsabschnitt mit dem Besuch der entsprechenden Vorlesungen wurde jedoch gestattet. Für das Praktikum in Gynäkologie und wohl auch in Chirurgie musste Hope allerdings nach Dresden ausweichen und erhielt ihre Ausbildung in der Königlichen Entbindungsanstalt und Frauenklinik bei Franz von Winckel, dem seinerzeit einzigen Klinikdirektor in Deutschland, der Frauen als Volontärinnen einstellte. Eine gewaltige Hürde war jedoch das Staatsexamen. Nicht einmal die Intervention des britischen Konsuls und die Fürsprache der Kaiserin Augusta bewirkten eine Zulassung. Wenn Hope dennoch 1880 in Leipzig diese Prüfung ablegen durfte, dann verdankte sie dies allein der Kulanz der beteiligten Professoren, die ihr ein Zeugnis ausstellten; die Approbation wurde jedoch nicht erteilt und auch Hopes Promotionsgesuch wurde abgelehnt, so dass schließlich auch sie nach 105 Bern ausweichen musste, um den Doktorgrad zu erwerben. Im Frühjahr 1881 legte Hope in Dublin die britische Abschlussprüfung ab und erhielt daraufhin die englische Zulassung als Ärztin. Es dauerte über zwanzig Jahre (bis 1904) und erforderte einen von der bayerischen Regierung beantragten Bundesratsbeschluss in Berlin, bis das Leipziger Examen anerkannt wurde und Hope endlich die deutsche Approbation sowie die offizielle Erlaubnis zum Führen ihres Doktortitels erhielt. Hope war bereits im Juni 1881 nach Deutschland zurückgekehrt und heiratete Anfang 1882 in Frankfurt a. M. ihren früheren Leipziger Kommilitonen Otto Walther. Hope praktizierte zunächst in dieser Stadt – rechtlich „Kurpfuschern“ gleichgestellt – als praktische Ärztin unter dem damals unüblichen Doppelnamen Adams Walther, vermutlich in einer Gemeinschaftspraxis mit ihrem Ehemann, der die Rezepte, Totenscheine usw. unterschreiben musste. Daneben fanden die Walthers als überzeugte Sozialdemokraten Zeit für politisches Engagement. Trotz polizeilicher Beobachtung und selbst als Hope nach der Geburt ihres zweiten Kindes an Tuberkulose erkrankte und die Familie aufs Land ziehen musste, war ihr Haus ein konspirativer Treffpunkt, wo z. B. auch Clara Zetkin, August Bebel und Wilhelm Liebknecht verkehrten. In diesem Kreis lernte Hope auch ihren späteren zweiten Mann, Carl Lehmann, kennen, den sie 1896 heiratete und dem sie sich in Beruf und politischer Betätigung tief verbunden fühlte. Im gleichen Jahr erschien Hopes umfangreichstes Buch, ein über das Medizinische weit hinausgehender Beitrag zur gesundheitlichen Aufklärung für Frauen. Darin sowie in ihren zahlreichen sonstigen Schriften verband die Autorin Informationen zu Hygiene, Sexualität, Verhütung und Kinderpflege bis hin zu zuträglicher Kleidung (es ist die Zeit, in der viele Frauenrechtlerinnen gegen das Korsett vorgehen) mit gesellschaftlichen bzw. politischen Themen wie Ehe und Familie, Armut und Ernährung, Arbeits- und Wohnbedingungen, Erziehung und Bildungswesen, öffentliche Gesundheitsfürsorge und ärztliche Betreuung der Arbeiterschicht. Die Lehmanns ließen sich in einer gemeinsamen Praxis als Ärzte in München nieder, allerdings erscheint Dr. Hope Adams Lehmann im Ärzteverzeichnis erst ab 1906, nachdem sie die deutsche Approbation erhalten hatte. Die Klientel bestand hauptsächlich aus ärmeren Patientinnen, die von Hope auch vielfach eine psychosoziale Betreuung erhielten. Das Ehepaar war weiterhin politisch aktiv und Mitglied in verschiedenen reformorientierten Zirkeln. Hope entwickelte sogar ein Pilotprojekt für ein Krankenhaus der Zukunft, in dem die damals noch ganz unübliche Klinikentbindung sowie die professionelle Nachbetreuung eine 106 wichtige Rolle bei der Erhaltung der Frauengesundheit spielen sollten und in dem nicht zwischen Kassenpatientinnen und Selbstzahlern unterschieden würde. Auch an einem reformpädagogischen Schulprojekt waren die Lehmanns beteiligt. Durch ihr Engagement für Geburtenkontrolle und für eine Liberalisierung des Abtreibungsverbots sowie wegen der gynäkologischen Betreuung ärmerer Frauen geriet Hope 1914 in den Verdacht, illegale Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt zu haben, verleumdet möglicherweise von mehreren Hebammen, die wegen der Pläne für ein geburtshilfliches Reformkrankenhaus Sorge um ihr Auskommen hatten; die Vorwürfe erwiesen sich als haltlos und das Verfahren wurde im August 1915 definitiv eingestellt. Trotz der psychischen und physischen Belastung durch den Prozess hatte sich Hope den Kriegsgegnern angeschlossen und mit der Stimme der Vernunft für Frieden geworben. Den Zusammenbruch brachte der plötzliche Tod ihres geliebten Mannes im April 1915; Hope folgte ihm am 10. Oktober 1916. Von Mitte November 2005 bis Februar 2006 erinnert eine Ausstellung im Operativen Zentrum des Universitätsklinikums AöR an diese außergewöhnliche Frau, die ein Bild der Gesellschaft und der Beziehungen zwischen Mann und Frau entwickelte – und lebte –, das sich grundlegend von dem der wilhelminischen Zeitgenossen unterschied. Eine begleitende Vortragsreihe widmet sich dem Thema ‚Frauengesundheit‘, einem zentralen Anliegen von Dr. Hope Adams Lehmann.

Von Ortrun Riha

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