Blick auf die Portale des Augusteums und Albertinums im April 1968 der Alten Universität

[perfectpullquote align=”full” cite=”” link=”” color=”” class=”” size=””]“Das Ding muss weg”[/perfectpullquote]

Barbarischer Akt der Vernichtung
“Das Ding muss weg”, verlangt Staats- und Parteichef Walter Ulbricht 1968. Er meint die Universitätskirche St. Pauli, die ihm ein Dorn im Auge ist. Der Augustusplatz heisst inzwischen Karl-Marx-Platz – und die sozialistische Universität soll einen neuen Campus erhalten. Am 30. Mai 1968 um 10 Uhr lässt die Führung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) die Universitätskirche St. Pauli sprengen. Damit ist der letzte noch aus dem Mittelalter stammende und vollkommen intakte Traditionsbau der Universität vernichtet. Vollendet wurde der barbarische Zerstörungsakt im Juni 1968 mit der Sprengung der übrigen Gebäude (Augusteum, Albertinum, Universitätsarchiv, Johanneum) sowie mit der vollständigen Beräumung des gesamten Universitätsareals, mit der so rasch wie möglich die erforderliche Baufreiheit geschaffen werden sollte.

 

Erfahren Sie mehr über das Schicksal der Paulinerkirche in: Die Paulinerkirche und die Politik  | Frühjahr 1968 – Zeit des Erinnerns für die Universität Leipzig 

 

Im April 1968 ... Blick auf die Inschrift am "Albertinum", darunter "Universitas Literarum Lipsiensis" am Portal des Albertinums. Universitätsarchiv Leipzig
Im April 1968 … Blick auf die Inschrift am “Albertinum”, darunter “Universitas Literarum Lipsiensis” am Portal des Albertinums. Universitätsarchiv Leipzig. UAL FS Ü00061 Universitätsarchiv Leipzig

 

In den Jahren 1892 bis 1897 errichtete Arwed Roßbach (1844 – 1902) neue Universitätsgebäude am Augustusplatz. Das Albertinum, benannt nach König Albert von Sachsen (1828 – 1902), mit seinem schmuckvollen Eingangsportal, gelegen zwischen Augusteun und Paulinum, wurde 1896 fertiggestellt. Zwischen Augusteum und Albertinum existierte ein Innenhof, der durch eine große Wandelhalle und andere Räumlichkeiten bebaut wurde. Am 4.Dezember 1943 wurde das Albertinum durch Bomben im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt.

 

Im April 1968 ... Blick auf die Inschrift "Universitas Literarum Lipsiensis" am Portal des Augusteum (Roßbach-Bau) mit Relief/Fries. Vier Wochen vor der Sprengung der Alten Universitätsgebäude. Universitätsarchiv Leipzig
Im April 1968 … Blick auf die Inschrift “Universitas Litterarum Lipsiensis” am Portal des Augusteum (Roßbach-Bau) mit Relief/Fries. Vier Wochen vor der Sprengung der Alten Universitätsgebäude. Universitätsarchiv Leipzig UAL FS Ü00059 Universitätsarchiv Leipzig

 

Das Augusteum wurde in den Jahren 1892 bis 1897 von Arwed Roßbach gebaut. Es war das Hauptportal der Universität, benannt in Erinnerung an König Friedrich August (1750 – 1827). Am 23. Mai beschließt die Leipziger Stadtverordnetenversammlung über den weiteren Aufbau des Stadtzentrums und entscheidet sich für den Abriss der nach den Kriegszerstörungen verbliebenen Universitätsgebäude und der Universitätskirche. In der Amtszeit von Rektor Ernst Werner, Professor für Geschichte, wird schließlich mit der Sprengung “Baufreiheit” für eine “Sozialistische Universität” geschaffen. Bereits im März 1968 hatte das Ministerium für Hoch-und Fachschulwesen der DDR “Leitgedanken für die weitere Diskussion zur Durchführung der Hochschulreform” herausgegeben. Der Rektor reagierte und veröffentlichte am 23. Mai seine Konzeption mit dem Titel “Unser Weg zur sozialistischen Grossuniversität – Gedanken zur Verwirklichung der Hochschulreform an der Karl-Marx-Universität Leipzig.” In der Universitätszeitung, dem Parteiorgan der KMU, wird im Mai 1968 der sozialistische Traum samt neuem Universitäts-Modelle propagiert.

Selbst auf nichtöffentliche Protestbriefe, wie sie beispielsweise der Kunsthistoriker an der Universität und Direktor des Leipziger Bildermuseums Johannes Jahn (1892-1976) als „DDR-Bürger“ und nicht in seiner „Angestelltenfunktion“, an höhere Behörden geschickt hatte, konnten Strafmaßnahmen folgen. Jahn wurde im Mai 1968 zur Demission gezwungen, ein gegen ihn angestrebtes Disziplinarverfahren hatte sich damit erledigt. Mehr Glück hatte dagegen der Historiker Max Steinmetz (1912-1990), der ebenfalls privat und schriftlich beim Rat der Stadt Leipzig (jedoch beim Referat für Kirchenfragen) seine Einwände gegen die Sprengung erhoben hatte. „Alle Gründe der Geschichte sprechen für eine Erhaltung und Pflege des Gebäudes, das am Karl-Marx-Platz die älteren Jahrhunderte würdig vertritt. Nichts spricht ernstlich für einen Abriß.“ Seine Daten werden, wie die der rund 500 anderen schriftlich Protestierenden, erfasst, weiter passiert den meisten Bürgern jedoch nichts.

Alle rationalen und emotionalen Gründe, die für einen Erhalt der Kirche sprachen, wurden von Anfang an jedoch bewusst ignoriert – den Leipzigern sollte klar gemacht werden, wer im Lande das Sagen hat. Gegenüber dem DDR-Staat wurde von den DDR-Bürgern Gehorsam verlangt oder wenigstens Anpassung und Schweigen erwartet.

Dennoch gab es weiterhin Mutige, besonders unter den Studenten, die nicht bereit waren, sich mundtot machen zu lassen. Einen der letzten Höhepunkte des studentischen Widerstandes in der DDR stellte die mutige Aktion von mehreren Studenten dar, die am 20. Juni 1968, bei der Abendveranstaltung zum internationalen Bachwettbewerb, ein Plakat mit Forderung nach Wiederaufbau der Universitätskirche enthüllten.

Zur digitalen Universitätszeitung UZ der KMU Mai 1968

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