Wolfgang Rosenthal, Doppelbegabung als Kieferchirurg und Konzertsänger

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Wolfgang Rosenthal, Künstlerfoto, um 1927. Anfang der 20er Jahre nahm Rosenthal den Künstlernamen Zeuner-Rosenthal an.

Zum Geburtstag von Wolfgang Rosenthal, Kieferchirurg und Konzertsänger

Wolfgang Rosenthal war eine Doppelbegabung als Kieferchirurg und Konzertsänger. Anlaß für ihn, ab 1904 bis 1910 gleichzeitig Gesang und Medizin an der Universität Leipzig und der Musikhochschule zu studieren.

Wolfgang Wilhelm Johannes Rosenthal, Gründer der Thallwitzer Klinik für plastische und wiederherstellende Kiefer- und Gesichtschirurgie, wurde als drittes Kind des Schulrektors Max Friedrich Karl Martin Rosenthal und seiner Frau Johanna Ottilie Sidonie von Zeuner am 8. September 1882 in Berlin-Köpernitz geboren. Sein Vater Max Rosenthal war ein guter Geiger, seine Mutter eine überdurchschnittliche Pianistin. 1892 wurde sein Vater als Prorektor an das Lehrerseminar in Delitzsch bei Leipzig berufen, die musische Familie konnte nun die Aufführungen des Gewandhausorchesters und des Thomanerchores besuchen. Wolfgang wurde 1896 Alumnus im Leipziger Thomanerchor und blieb dort 8 Jahre lang. Stimmschulung und gesangliche Ausbildung bei den Thomanern sollten seinen Sprachfehler als Stotterer beheben.1902 legte er an der Thomasschule sein Abitur ab.

Wolfgang Rosenthal gründete 1919 mit seiner Frau Ilse Helling (1886-1939), einer hochbegabten Sopranistin, das berühmte “Rosenthal-Quartett”, das in ganz Europa gastierte. Bis zum Verbot durch die Nazis trat das Rosenthal-Quartett abwechselnd mit Ilse Helling und seiner späteren Frau, der Altistin Martha Adam, auf. Seine Frau Ilse Helling-Rosenthal war 1939 einer in Leipzig grassierenden Virusgrippe erlegen. In aller Stille hatte der Chirurg und Sänger seine langjährige Muse Martha Adam, Thüringische Staatsopernsängerin, in Leipzig am 12. Oktober 1940 geheiratet. Weder die Tochter aus erster Ehe noch die bereits 1927 geborene Tochter Marthas wußten davon, auch war ihnen der ständige Wechsel zwischen beiden Familien zunächst nicht aufgefallen. Wolfgang Rosenthal fuhr rege mit Zug und Auto zwischen Leipzig und Hamburg oder Leipzig und Weimar hin und her.

1902/1903 studierte Wolfgang Rosenthal Rechtswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München, das er abbrach. Er entschloß sich Medizin zu studieren und immatrikulierte sich im Dezember 1904 an der Leipziger Medizinischen Fakultät. 1910 promovierte er mit dem Thema Über Lues congenita tarda an der Hand eines Falles von Gumma hepatis zum Dr. med., sein Doktordiplom erhielt er am 19. Dezember 1910 in Leipzig, die Approbation als Arzt erhielt er am 14. Januar 1911. Seine Ausbildung zum Konzert- und Oratoriensänger vollendete der Bassbariton Rosenthal bei Robert Leideritz in Leipzig und Karl Scheidemantel in Weimar. Am 15. November 1913 gab Rosenthal seine hauptamtliche Tätigkeit als Assistenzarzt am Leipziger Chirurgisch-Poliklinischen Institut der Universität Leipzig auf, um sich dem Gesang zu widmen. Von 1915 bis 1918 war Wolfgang Rosenthal Leiter des Kieferlazaretts des Sächsischen Korps in Leipzig. 1918 habilitierte er an der Universität Leipzig zum Thema Erfahrungen auf dem Gebiet der Urano-Plastik.  Am 7. Januar 1918 wurden Rosenthals Verdienste in der Sängerschaft Arion durch Verleihung der Ehrenmitgliedschaft gewürdigt

In seiner erfolgreichen akademischen Karriere an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig war er 1918/1930 PD für Chirurgie an der Medizinischen Fakultät. 1931/1933 folgte ein Studium der Zahnmedizin an der Universität Leipzig. Während einer Konzertreise 1930 erreichte Rosenthal in Bonn ein Telegramm: „Von der Leipziger medizinischen Fakultät in der heutigen Sitzung zum außerordentlichen Professor gewählt. Mit herzlichen Grüßen Rektor Professor Oskar Römer.” Bis 1936 war Rosenthal nichtplanmäßiger außerordentlicher Professor für Chirurgie an der medizinischen Falultät der Universität Leipzig, 1945/1950 Professor mit Lehrauftrag für Kieferchirurgie. 1950/1957 war Rosenthal Professor mit Lehrstuhl für Kieferchirurgie an der Humboldt-Universität Berlin. Am 10. Juni 1971 starb Rosenthal in Berlin. Wolfgang Rosenthal war 1933/37 Mitglied der NSDAP, 1945/46 Mitglied der SPD, seit 1946 Mitglied der SED. Archivalische Quellen aus dem Universitätsarchiv Leipzig, u.a. die Personalakte Wolfgang Rosenthals, wurden für die Publikation zur „Wolfgang-Rosenthal-Klinik“ Thallwitz 1943-1994. Ein unbequemes Kapitel der Geschichte der Universität Leipzig. “ ausgewertet.

Gesuch Wolfgang Rosenthals an die Universität Leipzig um Rehabilitierung, 1. Juni 1945, Universitätsarchiv Leipzig, UAL PA Rosenthal, Bl. 97, Anschreiben, Seite 1
Gesuch Wolfgang Rosenthals an die Universität Leipzig um Rehabilitierung, 1. Juni 1945, Universitätsarchiv Leipzig, UAL PA Rosenthal, Bl. 97, Anschreiben, Seite 1

Die „Wolfgang-Rosenthal-Klinik“ Thallwitz

Genese, Werden und Wachsen, aber auch Stagnation und Abstieg der “Wolfgang-Rosenthal-Klinik” Thallwitz für Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumen-Nasenfehlbildungen sind bereits aus medizinhistorischer Sicht ein erregendes Thema, dessen zahlreiche Facetten der weiteren Forschung offenstehen. Eine noch viel breitere Resonanz und ein Interesse über den Kreis der engeren Fachleute hinaus dürfen die politischen Implikationen beanspruchen, die in der Zeit des Nationalsozialismus und der DDR die Geschichte der Klinik begleitet und zeitweise direkt geprägt haben. Der vorliegende Band erinnert mit einem sensibel gezeichneten Porträt an den Namensgeber der Klinik, den die unheilvollen Verschränkungen von nationalsozialistischer Politik und Rassenwahn fast das Leben gekostet hätten und dem es trotz mancher Widrigkeiten gelang, die Klinik nach dem Zweiten Weltkrieg zu internationaler Anerkennung zu führen.

Nach dessen Ausscheiden führte ein Ränkespiel der Macht die Klinik an den Rand der Selbstzerstörung. Nur mühevoll und unter zuletzt sich dramatisch verschlechternden äußeren Bedingungen gelang es, dies abzuwenden. Mittlerweile ist die “Wolfgang-Rosenthal-Klinik” in den medizinischen Einrichtungen der Leipziger Universität aufgegangen, hier scheinen sich ihre Spuren überraschend schnell zu verwischen.
Indem der Band Höhen und Tiefen der Geschichte der Klinik erkundet, leistet er in der Befassung wie Bewältigung eines unbequemen Kapitels der Geschichte der Alma mater Lipsiensis im zurückliegende Jahrhundert Vorbildliches. Prof. Dr. Josef Koch, ehemaliger Oberarzt am Thallwitzer Klinikum, hat einen Band vorgelegt, der all diese Facetten beleuchtet.

Im Universitätsarchiv Leipzig ist die Personalakte Wolfgang Rosenthals (UAL PA Rosenthal) einsehbar,  Ansprechpartnerin für diesen Bestand ist Frau Rebner. Sehr lesenswert ist die Inauguraldissertation von Kerstin Ackermann mit dem Thema Die „Wolfgang-Rosenthal-Klinik“ Thallwitz/Sachsen in den zwei deutschen Diktaturen, Wurzen, Gießen 2008, die als Digitalisat vorliegt. Im Anhang findet sich umfangreiches Quellenmaterial des Universitätsarchivs Leipzig.

Die „Wolfgang-Rosenthal-Klinik“ Thallwitz 1943-1994. Ein unbequemes Kapitel der Geschichte der Universität Leipzig. Von Josef Koch. Leipziger Universitätsverlag. ISBN 978-3-86583-536-9

 

 

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Gesuch Wolfgang Rosenthals an die Universität Leipzig um Rehabilitierung, 1. Juni 1945, Universitätsarchiv Leipzig, UAL PA Rosenthal, Bl. 97, Anschreiben, Seite 1 und Universitätsarchiv Leipzig. Tradition und Moderne. Seit 1409. | Universitätsarchiv Leipzig