Von der Augenheilkunde und dem Briefkasten eines Professors

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Wilhelm Schoen Wilhelm Schön (29.03.1848, Minden – 21.04.1917, Leipzig) Aus Familienbesitz ist kürzlich ein Privatarchiv in das Universitätsarchiv gelangt: Manuskripte von Wilhelm Schön (1848-1917), Professor für Augenheilkunde.

Prof. Dr. med. Wilhelm Schöns Forschungen über den Zusammenhang zwischen Augenfehlstellungen und Epilepsie waren zu seinen Lebzeiten anerkannt. Für die Nachgeborenen ist der Nachlass noch aus einem anderen, unverhofften Grund eine ganz besondere Rarität. Wilhelm Schön schrieb seine Manuskripte auf die Rückseiten von Geschäfts- und Werbebriefen. Es ist so, als ob wir heute, einhundert Jahre später, täglich den Briefkasten eines Leipziger Professors öffneten.

Dort finden wir Werbebriefe für Heilwässer, Desinfektionsmittel, Medizinpräparate, Kräftigungspastillen, Angebote für völlig neuartig geschliffene Brillengläser, angepriesen werden Bücherschränke oder Torten aus einer neu eröffneten  Konditorei in der Leipziger Gottschedstraße, das Schauspielhaus hat infolge des Weltkrieges freie Plätze und bietet Abonnements an, die Universitätsbibliothek fragt nach ausgeliehenen Büchern, eine Kunsthandlung bittet zur Aufnahme eines Professorenporträts zu erscheinen, auf Wunsch auch sonntags. Zeichnungsscheine für Aktiengesellschaften sind dabei, Wahlflugblätter für Reichstag und Landtag, dem Professor werden Kuren in Locarno und erlesene Moselweine nebst feinstem Kaviar offeriert. Welches dieser Angebote Wilhelm Schön tatsächlich nutzte, wissen wir nicht. Fast scheint es, er hätte die Briefe unbesehen zu Schreibpapier umgewidmet und sich in seinen letzten Lebensjahren allein seiner wissenschaftlichen Arbeit zugewandt.

Wilhelm Schön absolvierte von 1866 bis 1870 ein Studium der Medizin in Bonn, Zürich, Prag und Berlin. 1874 erfolgte die Habilitation für Augenheilkunde an der Universität Leipzig, 1870 Promotion zum Dr. med. an der Universität Berlin mit dem Titel der Arbeit: Über Verkümmerung des Zwischenkiefers mit gleichzeitiger Missbildung des Gehirns. Von 1874 bis 1896 war Schön  PD für Augenheilkunde an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig, von 1896 bis 1917 aoProf für Augenheilkunde an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig. Während des Krieges 1870/71 war Schön als Arzt in der 18. Division des IX. Corps eingesetzt.

Publikationen Wilhelm Schöns (Auswahl)
  • Die Lehre vom Gesichtsfelde und seinen Anomalien, Berlin 1874.Beiträge zur Dioptrik des Auges, Leipzig 1884.
  • Die geschichtliche Entwicklung unserer Kenntniss der Staarkrankheit, Leipzig 1897Kopfschmerzen und verwandte Symptome, Wien 1903.
  • Das Schielen, München 1906
  • Die Funktionskrankheiten des Auges. Ursache und Verhütung des grauen und grünen Staares. Mit eingeheftetem Atlas von 24 Tafeln, 2 Bde., Wiesbaden 1893-95.

Anpspechpartnerin für den Nachlass Wilhelm Schön ist Frau Rebner.

Universitätsarchiv Leipzig 2017.

 

Bild mit freundlicher Genehmigung von Beate Rebner | Universitätsarchiv Leipzig