Erhard Schön (ca. 1491-1542) - Josef Nadler: Literaturgeschichte des deutschen Volkes, Bd. 1, Berlin 1939, S. 291

Ulrich van Hutten 1488 – 1523, Zu seiner Immatrikulation im Jahre 1507

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Ulrich van Hutten 1488 – 1523

Ulrich von HuttenHumanist, Publizist und Reichsritter, ab 1507 Philosophiestudium, gibt auch selbst Unterricht, erkrankt 1508 an Syphilis und verlässt überstürzt die Stadt. Wo er sich in der darauffolgenden Zeit aufhielt, ist nicht bekannt.


Ulrich von Hutten: Zu seiner Immatrikulation im Jahre 1507

Ulrich von Hutten gehörte zu den prominenten Vertretern des Renaissancehumanismus in Deutschland. Mit modernen Argumenten und vermittels vielfältiger, hauptsächlich antiker literarischer Genres unterstützte er nachhaltig die Forderungen nach geistiger Freiheit, nationalem Selbstbewusstsein, einer starken politischen Zentralgewalt und einer Reform der Kirche.

Anno 1507 fügte es sich, dass an der Universität Leipzig für das Wintersemester drei Männer immatrikuliert wurden, deren jeder auf eigene Weise und nachhaltig zumindest der Förderung wissenschaftlicher Studien sowie einer zukunftsträchtigen Entwicklung des geistigen Lebens in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts gedient hat. Der älteste unter ihnen war der klassische Philologe und Poeta laureatus Johannes Rhagius Aesticampianus (um 1457-1520). Er kam von der neugegründeten Viadrina, begleitet von seinem Schüler, dem Bakkalaureus Ulrich von Hutten. Der jüngste von ihnen, als Student der Artistenfakultät inskribiert, hieß Caspar Borner (1492-1547). Er wiederum sollte, als Rhagius 1511 von der hiesigen Universitas auf zehn Jahre relegiert wurde, gemeinsam mit ihm nach Italien ziehen. Rhagius erwarb sich um die Förderung der Philologie sowie um die Lehre namentlich an der Universität Wittenberg Verdienste. Caspar Borner ragte durch seine breite Gelehrsamkeit hervor und erlangte bleibende Hochachtung als Reformator der Leipziger Universität. Er starb am 2. Mai vor 460 Jahren. Ulrich von Hutten ist von ihnen gewiss die bekannteste Persönlichkeit. Während seines kurzen, von Unstetigkeit und Unrast erfüllten Lebens trat er, selbst humanistisch gebildet, temperamentvoll für die Verbreitung dieser Studien und für Gedankenfreiheit ein. Darüber hinaus wandte er sich gegen Fürstenwillkür sowie Entartungserscheinungen in der römischen Kirche und bekannte sich zu Luthers Reformation; all dies gestützt auf das geschriebene Wort, auf vielfältige Mittel der literarischen Gestaltung, die er sicher beherrschte sowie im Vertrauen auf die Mitwirkung bedeutender Gelehrter, nicht selten ungestüm und oft eifernd gegen all jene, die sich seinen Zielen widersetzten oder auch nur versagten.

Reichrittersohn, Studien

Geboren wurde Ulrich von Hutten am 21. April 1488 als Sohn eines Reichsritters auf der Burg Steckelberg nahe Schlüchtern. Wegen seiner grazilen Konstitution bestimmten ihn seine Eltern für eine geistliche Laufbahn und vertrauten ihn 1499 dem Benediktinerkloster Fulda an. Im Rahmen seiner Unterweisung absolvierte er wohl ab 1503 ein zweijähriges Studium an der Erfurter Universität. Angeregt durch den Poeten und Gelehrten Johannes Crotus Rubeanus machte er sich dabei eingehender mit den Grundlagen der studia humanitatis vertraut. Zu diesen gehörte die aktive Beherrschung der lateinischen, möglichst auch der altgriechischen Sprache gemäss den klassischen Regeln, das Vermögen, nach dem Vorbild antiker Autoren und den Gesetzen der Rhetorik die Gedanken in logischer Ordnung, sprachlicher Klarheit und auf ansprechende Weise darzulegen. Hinzu kam die Befähigung, sich in der Art der Alten auch poetisch zu artikulieren. Das wichtigste Fundament dafür bildeten möglichst umfassende Kenntnisse der antiken Geschichte, Philosophie, Naturwissenschaften, Dichtung und Prosa.

Nach Ablauf der Frist kehrte Hutten jedoch nicht nach Fulda zurück. Er setzte vielmehr während der nächsten sechs Jahre an wesentlich verschiedenen deutschen Universitäten sein Studium fort: In Mainz (1505), Köln (1505/06) und Frankfurt an der Oder (1506/07), wo er mit dem Bakkalaureat eine begrenzte universitäre Lehrbefugnis erlangte; danach in Leipzig (WS 1507) – wo er lehrte und erste Vorarbeiten für spätere Veröffentlichungen entstanden; in Greifswald (1509) – dort war er plötzlich mittellos erschienen, von dem Bürgermeister Wedig und dessen Sohn Henning Lötz gastlich aufgenommen und mit dem Nötigsten versehen worden; doch als er sich, offenbar durch Meinungsverschiedenheiten bewogen, auf den Weg nach Rostock begeben hatte, ließen diese ihn von ihren Knechten brutal seiner letzten Habe berauben; in Rostock (1509) – dort drängte ihn sein ritterliches Ethos, die erlittene Schmach unverzüglich zu rächen, nach Humanistenart freilich und mit der Feder. Zwei Bücher Elegien („Querelae in Lossios“, erschienen 1510) prangerten die Verworfenheit der Lötze und ihre Schandtat eindringlich an, wobei Hutten sich selbst in durchaus heroisierenden Farben darstellte. In dem letzten Gedicht der Sammlung („Ad poetas Germanos“) sandte er seine Muse mit Grüßen an die deutschen Dichter-Gelehrten in den bedeutenden Städten des Reiches von Rostock bis Tübingen, wobei er in Leipzig seine einstigen Lehrer Johannes Rhagius und Hieronymus Emser lobend erwähnte. So stellte er den Lesern, namentlich aber den Lötzen eine lange Schar der ihm Gleichgesinnten vor Augen und vermittelte überdies einen Eindruck von der beginnenden Ausbreitung des Renaissancehumanismus in Deutschland.

Verskunst, „Ad Caesarem Maximilianum Epigrammatum Liber unus“

Wenig später gab Hutten seine „Verskunst“ („Ars versificatoria“) zum Druck. Im Unterschied zu beinahe allen frühneuzeitlichen Verfassern derartiger Dichtungslehren wählte er statt der Prosa die metrische Form, den in der Lehrdichtung seit der Antike gebräuchlichen Hexameter. Anders auch als die ihm vorliegenden, möglichst viele Details erfassenden Opera eines Wimpheling oder Bebel führte Hutten in übersichtlicher Gliederung und knapper, klarer Darstellung die wichtigsten Grundsätze der lateinischen Poetik aus. Das kurze, nur wenige Seiten füllende Werk, im Unterricht leicht handhabbar und dank der metrischen Form recht einprägsam, kam 1511 in Leipzig heraus und erfuhr mit zahlreichen Nachdrucken jahrzehntelang eine breite Rezeption. Neue, prägende Impulse scheint Huttens Weltsicht 1511 bei seinem Aufenthalt in Wien empfangen zu haben. Sein Interesse richtete sich hinfort stärker auf die politischen Verhältnisse und Ereignisse im Reich, seine Sympathie, standesgemäß geprägt, wandte sich der Person und Politik Kaiser Maximilians I. zu. Aber auch in der Kaiserstadt und in der Gastfreundschaft des gelehrten Joachim Vadianus hielt es ihn nicht lange. 1512 bis 1514 studierte er in Pavia und Bologna die Rechte, daneben die griechische Sprache. In den Kämpfen des Kaisers gegen die Venezianer musste er wiederholt die Kriegsgräuel persönlich erfahren. Ihren poetischen Ausdruck fanden die Erlebnisse und seine Gesinnung in einem Buch Epigramme an Kaiser Maximilian („Ad Caesarem Maximilianum Epigrammatum Liber unus“). Die Verse dienten dem Ruhme des Herrschers, riefen ihn zwecks Sicherung und Erweiterung der Reichsgrenzen zu entschlossenem Handeln auf und schmähten dessen Gegner, auch den Papst. Zugleich zeigten sie Nach Deutschland zurückgekehrt, warf er sich sogleich in eine Fehde, mit welcher die Sippe der Hutten einen heimtückischen Mord, den der Württemberger Herzog Ulrich an einem der Ihren verübt hatte, zu rächen suchte. Neben einigen lateinischen Invektiven gegen den Fürsten bestand Huttens Beitrag vor allem in dem literarischen Dialog „Phalarismus“: Antike Motive mit den Mitteln der literarischen Satire zielgerichtet verbindend, prangerte jener darin tyrannische Willkür auf das schneidigste an und bewies einmal mehr, wie Stoffe des griechischrömischen Altertums für Bestrebungen und Kontroversen der Gegenwart nutzbar gemacht werden konnten.

Italienaufenthalt, Reuchlinstreit, Dunkelmännerbriefe

Der zweite Italienaufenthalt (1515-1517) diente Hutten zur Fortführung seiner Studien. In diese Zeit fiel ein Waffengang, bei welchem der Ritter einen Gegner tödlich traf, ein Vorfall, den er wiederholt und unter verschiedenen Aspekten dargestellt hat. Durch den sogenannten Reuchlinstreit in Deutschland und seine eigene Begegnung mit Entartungserscheinungen unter der römischen Geistlichkeit verschärfte sich damals Huttens kritische Haltung gegenüber der Kurie bis zu einer entschiedenen Kampfansage gegen das Papsttum: Als in Deutschland der zum Christentum konvertierte Jude Johann Pfefferkorn im Dienste der Kölner Dominikaner die Verbrennung allen jüdischen Schrifttums mit Ausnahme der alttestamentlichen Texte forderte, verwarf der Jurist und Hebraist Johannes Reuchlin in einem Rechtsgutachten vom Jahre 1510 dieses Ansinnen als durchweg unrechtmäßig. Die Gegenseite reagierte mit heftigen Angriffen. Da erschienen 1515 anonym die „Epistolae obscurorum virorum“, ein Werk hauptsächlich des Humanisten Crotus Rubeanus. Es enthielt fiktive lateinische Briefe und zielte auf eine satirische Selbstentlarvung der Kölner Theologen hin. Den ersten Brief hatte Hutten beigesteuert, die Handlung übrigens in Leipzig lokalisiert. Später schrieb er in Italien als Hauptautor neben Hermann von dem Busche einen zweiten Teil und gab ihn 1517 in Köln heraus. In Form einer mimischen Satire lasteten die „Dunkelmännerbriefe“ Reuchlins Gegnern Engstirnigkeit, Glaubensfanatismus, Dogmatismus und eine ihrem geistlichen Stande unangemessene Lebensführung an, zudem verurteilten sie die Politik der römischen Kurie. Ihre literaturgeschichtliche Bedeutung, zu der es auch gehört, dass die Sprache als satirisches Mittel genutzt wurde, ist wiederholt hoch gewürdigt worden, sie gelten als bedeutendste Satire des deutschen Renaissance-Humanismus.

Die römische Kirche leitete ihren Suprematsanspruch gegenüber der weltlichen Macht von einer Urkunde her, der zufolge Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert die Herrschaft über das Weströmische Reich dem Papst übertragen hatte. Um 1440 wies der italienische Gelehrte Laurentius Valla mit philologischer Akribie das Dokument als eine frühmittelalterliche Fälschung aus. Seine Abhandlung, die in Italien als Manuskript kursierte, ließ Hutten kopieren und in Deutschland drucken. 1520 erschien sie in Mainz, versehen mit einer Widmung an Papst Leo X. Sie trug dazu bei, die weltlichen Herrschaftsansprüche der Kirche zu widerlegen und zurückzuweisen. Beide Veröffentlichungen beförderten die humanistischen Bemühungen und reformatorischen Bestrebungen in Deutschland.

Geburts- und Geistesadel vereint

1517 krönte Kaiser Maximilian Hutten in Augsburg zum Poeta laureatus. Geburts- und Geistesadel waren nun erstmals in Deutschland in seiner Person vereint, und so zeigen ihn zeitgenössische Holzschnitte ritterlich gerüstet und geschmückt mit dem Dichterlorbeer. Während der folgenden beiden Jahre stand Hutten im Dienste des Erzbischofs von Mainz, der ihm hinlänglich Muße für literarische Arbeiten gewährte. In einem Brief vom 25. Oktober 1518 an den Nürnberger Patrizier Willibald Pirckheimer legte der Dreißigjährige Rechenschaft über sein Leben. Er verglich die feudalherrliche und städtebürgerliche Lebensform und bekannte sich zu dem Ziel, unter seinen Standesgenossen den Wissenschaften zu der gebührenden höheren Wertschätzung zu verhelfen. Seine Ausführungen gipfelten in dem Satz: „O Jahrhundert! O Wissenschaften! Es ist eine Lust zu leben, wenn man sich auch noch nicht ausruhen darf, mein Willibald!“

Fortan nutzte Hutten die genreimmanenten Möglichkeiten des literarischen Dialogs zur Parteinahme in den öffentlichen Kontroversen. Die Forderungen nach einer Reichsreform und Stärkung der politischen Zentralgewalt dominierten dabei gleichermaßen wie die Polemik gegen die römische Kirche. Der Dialog „Arminius“ (1529 postum erschienen) pries Hermann den Cherusker als Befreier des Vaterlandes und begründete später dessen poetische Verehrung. Zu Luthers reformatorischen Positionen bekannte er sich zunehmend klarer, und mit dem „Vadiscus“ (1520) gab er der Romkritik eine eindringliche literarische Gestaltung.

“Franzosenkrankheit”

Früh schon, möglicherweise während seines Leipziger Aufenthaltes, hatte Hutten sich mit der seinerzeit grassierenden Syphilis infiziert und unterzog sich hinfort, zwischen Hoffen und Verzweiflung schwankend und letztlich erfolglos, verschiedenen Therapien. Eine neuartige, die auf dem aus der Karibik importierten Guajakholz als Heilmittel basierte und ihm wohl einige Linderung gebracht hatte, beschrieb er minutiös aus eigenem Erleben. Gegenüber einer konservativen medizinischen Theorie erhob er dabei die praktische Erfahrung zum entscheidenden Faktor. Die Abhandlung „Von der wunderbaren Heilkraft des Guajakholzes und die Heilung der Franzosenkrankheit“ kam zuerst 1519 heraus, wurde bald ins Deutsche übersetzt und sollte eine von Huttens erfolgreichsten Arbeiten werden. Um seinen politischen Vorstellungen eine breitere Aufnahme und stärkere Wirkung zu eröffnen, hatte er um diese Zeit begonnen, sich in seinen literarischen Arbeiten der deutschen Sprache zu bedienen, auch einige seiner lateinischen Texte zu übersetzen:

„Latein ich vor geschrieben hab, /

das was eim yeden nit bekandt. / Yetzt schrey ich an das vatterlandt / Teütsch nation in irer sprach.“

Der Eindringlichkeit seiner Darlegungen kam es zugute, dass er gleich dem Lateinischen das Deutsche souverän gebrauchte. Als der mit ihm befreundete Reichsritter Franz von Sickingen, auf dessen Burg Ulrich von Hutten inzwischen lebte, 1522 zu Felde zog, um das Erzbistum Trier zu säkularisieren, unterstützte Hutten ihn. Doch der Aufstand schlug fehl, Sickingen fiel, Hutten musste fliehen, in Basel verhielt sich der von ihm verehrte Erasmus von Rotterdam strikt abweisend, schließlich gewährte ihm der Schweizer Reformator Huldrych Zwingli Gastrecht auf der Insel Ufenau im Zürichsee. Dort starb Hutten am 29. August 1523.

Von Rainer Kößling

Der Autor Prof. em. Dr. Rainer Kößling war Professor am Institut für Germanistik.

Digitale Jubiläen

  • Literatur: Eckhard Bernstein: Ulrich von Hutten. Hamburg 1988. Otto Flake: Ulrich von Hutten. Berlin 1929.

 

 

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