Strafe “abbrummen” im Leipziger Universitätskarzer

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Aussicht aus dem Carcer, Zeichnung eines Gefangenen, 1839.

Blick den Karzer. Universitätsarchiv Leipzig.

Einblick in den Leipziger Universitätskarzer mit den typischen Wandmalereien.

Vielfältig sind die Leipziger Karzerstrafen. Im Universitätskarzer sassen Studenten u.a. wegen nächtlichen Watens im Schwanenteich, Trunkenheit, Ehrenwortbruch, Beleidigung des Nachtwächters, Teilnahme an einem Duell, Zuschauen bei einer Mensur, Ruhestörung oder Mädchen auf dem Zimmer ein.

Die Karzerräume der Leipziger Universität befanden sich im dritten Stock des alten Senatsgebäudes, das 1893 den Umbauplänen Arved Rossbachs für ein neues Universitätshauptgebäude weichen musste. Das “Carcer-Buch”, eine wichtige Quelle zum Karzerwesen, befindet sich im Universitätsarchiv Leipzig. In sieben Spalten ist “Anfang/Ende” sowie “Dauer/Grad” der angetretenen Haftstrafe abzulesen, außerdem Namen, Studium und Geburtsort. Zu den Disziplinarvergehen gehörten alle Fälle unerlaubter Selbsthilfe, “wörtliche und tätliche Injurien untereinander und gegen Studirende”. Geringere Vergehen wurden nach Landesgesetz oder Herkommen mit nicht über zehn Talern Strafe (etwa vier Wochenlöhne eines ungelernten Arbeiters) oder vier Wochen Gefängnis geahndet – für chronisch klamme Studenten viel Geld.

Die Karzerstrafe ging in der Regel über vier Wochen nicht hinaus, es gab Vergehen ersten und zweiten Grades. Mancher Student trat sie stolz und erhobenen Hauptes an. Auf Wunsch erledigte der gefürchtete Gerichtsdiener Einkäufe, einen gewissen Luxus konnte sich der gefangene Student – trotz Verbot des Senates – beschaffen. Interessant sind die studentischen Briefe an den Gerichtsdiener, in denen beispielsweise der Strafantritt ausgehandelt wurde. Länger als acht Tage saß man mit einer Karzerstrafe zweiten Grades ein. Gegen Ehrenwort durften Vorlesungen besucht werden. Mißbrauch wurde streng mit 14 Tagen Karzerhaft bestraft. Kam es zu völliger Wortbrüchigkeit, wurde “Wegweisung nicht unter einem Jahr”, das consilium abeundi, verhängt. Exmatrikulation als Strafe hatte den Verlust aller studentischen Rechte zur Folge, die Bekanntmachung erfolgte auf Latein und Deutsch. Prominenter Vertreter dieser Strafe ist Theodor Körner.

 

Blick in das Karzerbuch, eine wertvolle Quelle zur Studentengeschichte. Universitätsarchiv Leipzig. Rep_B_102__0015

Im Karzer wurde die Strafe “abgebrummt”, Blick in das Karzerbuch “Brummkäfer oder die Musen in carcere blae”

 

Viel erzählt der heute leider nicht mehr vorhandene Universitätskarzer über das studentische Leben jener Zeit. Karzerhaft war keine Kerkerhaft oder Einzelhaft, zu Vorlesungen und Spaziergängen konnte der Raum verlassen werden.Die Zeit im kargen Raum mit vergitterten Fenstern namens Karzer versuchten die Studenten natürlich so kreativ wie möglich zu verbringen: sie ritzten allerlei in Karzertische ein und schrieben eine 200-seitige Kladde mit dem Titel “Brummkäfer oder die Musen in carcere blae” voll. Gedichte für die Geliebte, spöttische Gesänge, aber auch Loblieder auf die Universität finden sich. Und in mehreren Fortsetzungsfolgen geschriebene Theaterstückpersiflagen laden zum Weiterschreiben ein. Carl Friedrich Lange, Schullehrersohn aus Buchheim in Sachsen, am 21. Mai 1835 als Student der Rechte immatrikuliert, verbüßte wegen Duellvergehens eine Karzerstrafe, Geldsorgen taten ihr übriges. Er dichtete im “Brummkäfer”:

Der Gläub’ger Schar mich ewig jaget. Sag an, wie kann ich ihr entgehn? Die Wirthe, Ladenschwengel, Schuster und der Schneider / Belagern stets mein Haus; Barbir, Friseure und so weiter, Nein, länger halt ich’s nicht mehr aus.

Eine kleine Auswahl aus den Karzerstrafen an der Universität Leipzig

Bär, Max stud. philol. 1875: vier Tage Karzer weg. Zuschauens auf Mensur u. Teilnahme an einem Auflauf; 1877: zwei Tage Karzer weg. groben Unfugs; 1878: zehn Tage Karzer weg. Ruhestörung, Ungehorsam u. wörtl. Beleidigung
Barckhausen, Carl 1873: drei Tage Karzer weg. Sachbeschädigung
Bardach, Leon 1849, in Lemberg 18.10.1869 stud. med. 1870: ein Tag Karzer weg. Teilnahme am Duell; 1870: zwei Tage Karzer weg. nächtl. Lärmens usw.
Bardey, Ernst stud. philol. 1877: ein Tag Karzer weg. groben Unfugs
Bärens, Carl Georg Hermann 1873: Verweis weg. Störung der Nachtruhe
Boße, Carl Wilhelm August Richard 1848, in Cöthen 21.4.1868 stud. theol. 1870: ein Tag Karzer weg. Beschädigung fremden Eigentums
Bourwieg, Richard Emil stud. med. 1875: drei Tage Karzer weg. Teilnahme an Auflauf; 1877: zwei Tage Karzer weg. Ruhestörung; 1877: 14 Tage Karzer u. Wegweisung durch Consilium abeundi auf ein Jahr weg. leichtfertiger Provokation zum Duell u. grober wörtl. u. tätl. Beleidigung [durch Gnadengesuch das Consilium abeundi ermäßigt auf Unterschrift unter das Consilium abeundi]
Brachvogel, August Bernhard 1851, in Allensheim 4.5.1870 stud. jur. 1871: Zeuge in einer Beleidigungssache
Dielkmann, Johann Georg Adolph 1848, in Altenbruch (Hannover) 17.11.1868 stud. theol. 1869: zwangsweise Exmatrikulation weg. Verpfändung fremden Eigentums u. Verwendung der Pfandsumme für sich
Diem, Abraham 1843, in Schwellbrunn (Schweiz) 18.10.1867 stud. med. 1868: 25 Neugroschen Strafe weg. Übertretung d. Polizeigesetze
Dietel, Rudolph Wilhelm 1841, in Zeulenroda (Reuß) 28.10.1862 stud. theol. 1864: 14 Tage Karzer 2. Grades weg. Ehrenwortbruchs u. fortgesetzten Ungehorsams geg. das Universitätsgericht
Dietrich, Edmund Gustav 1844, in Altenburg 20.11.1865 stud. theol. 1866: Verweis weg. nächtl. Ruhestörung
Dietz, Julius Maro 1875: drei Tage Karzer weg. Tätlichkeiten geg. einen Leipzigr Bürger
Dietzel, Julius Richard 1841, in Oelsnitz 16.4.1861 stud. jur. 1862: erhält einen Verweis wegen Nachtschwärmens und Ruhestörung; 1862: 2 Tage Karzer zweiten Grades weg. nächtl. Ruhestörung, Beleidigung usw.; {durchgestrichen: 1864}: {durchgestrichen: 14 Tage Karzer 2. Grades weg. Ehrenwortbruchs u. fortgesetzten Ungehorsam geg. das Universitätsgericht}; 1864: zehn Tage Karzer 2. Grades weg. nächtl. Ruhestörung u. tätl. Angriffs auf 2 Nachtwächter
Fischer, Georg Adoplph Waldemar 1837, in Zitzschewig 21.4.1858 stud. jur. [später stud. chir.?] 1862: nach einer Notiz von 1862 mehrmals wegen verübter Exzesse bestraft; 1862: wegen zweimaligen Ehrenwortbruches, wegen Trunkenheit, ungeordneter, liederlicher und vagabundierender Lebensweise mit 14 Tagen Karzer zweiten Grades bestraft, durch öffentlich bekannt zu machende Exmatrikulation von der Univers. Leipzig weggewiesen
Fischer, Georg Moritz Bernhard 1841, in Dippoldiswalde 25.4.1860 stud. chirurg. 1862: mit drei Tagen Karzer zweiten Grades, einem Verweis und einer Verwarnung bestraft weg. wörtl. Beleidigung seiner Wirtin, Aufenthalts eines jungen Mädchens in seiner Wohnung und Einsammelns von Unterstützungen; 1862: wegen Ehrenwortbruchs, Verpfändung seiner Papiere, leichtsinnigen Schuldenmachens u. unehrenhaften Gesamtverhaltens durch öffentlich bekannt zu machende Exmatrikulation von der Univers. entfernt
Fischer, Johann Philipp 1848, in Baltimore 18.4.1868 stud. jur. 1869: drei Tage Karzer 2. Gr. weg. Fungierens als Kartellträger bei einem beabsichtigten Duell; 1870: erhält Genugtuung für ihm beschehene Beleidigung

An der Universität Leipzig wurde zuletzt 1934 der Jurastudent Walter Habel aus Zittau zu Karzerhaft verurteilt – er brauchte sie aber schon nicht mehr anzutreten.

 

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Bild mit freundlicher Genehmigung von Universitätsarchiv Leipzig. Tradition und Moderne. Seit 1409. | Universitätsarchiv Leipzig