Universitätsjubiläum 1909. Postkarte zum Jubiläum-Serie"Alte Universitätsgebäude aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts"darauf folgende Ansichten:Frauencolleg, Petrinum; Schwarzes Brett, Altes Schenkhaus, Beguinenhaus, Hof d. Paulinum, Studenten-FreiheitAbb.verziert m. Eichenlaub. Universitätsarchiv Leipzig UAL FS N01609

Postkarte mit Ansichten der Alten Universität

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Postkarte mit alten Universitätsgebäuden aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Universitätsarchiv Leipzig UAL FS N01609

Alte Universität

Im Jahre 1409 wurde die Universität Leipzig gegründet, das Universitätsjubiläum 1909 war Anlaß für herausragende Feierlichkeiten in der Stadt Leipzig und der Universität. Eine Postkartenserie zum Jubiläum wurde herausgegegen, sie zeigt die “Alten Universitätsgebäude aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts”, darauf sind folgende Ansichten zu sehen: Frauencolleg, Petrinum; Schwarzes Brett, Altes Schenkhaus, Beguinenhaus, Hof des Paulinum, die Studenten-Freiheit. Die Ansichtskarte ist symbolkräftig mit Eichenlaub verziert.

Über das Universitätsjubiläum von 1909

Die 500-Jahrfeier der Universität Leipzig markiert den Glanzpunkt einer wissenschaftlichen und akademischen Ära. In ihrem Selbstverständnis nahm die Universität Leipzig eine Führungsrolle in der deutschen und internationalen Gelehrtengemeinschaft ein, und dementsprechend wurden die Feierlichkeiten zur Halbjahrtausendfeier ritualisiert und mit einem besonderen Anspruch versehen.

Besonders wichtig war die Einbeziehung der Fakultäten wie auch die Verteilung der Arbeitslast auf die Schultern renommierter Professoren. Ohnehin waren angesichts fehlenden Hilfs- und Verwaltungspersonals die geplanten Veranstaltungen und die Repräsentationsziele der Feierlichkeiten anders nicht zu realisieren. Somit erforderte die Jubiläumsfeier einen breiten Konsens unter der Professorenschaft – dessen Existenz an vielerlei Details sichtbar wurde. Mit der Vorbereitung der Feierlichkeiten, die 1906 begannen, war hauptsächlich die Jubiläumskommission betraut, die sich aus gewählten Vertretern der vier Fakultäten und dem jeweiligen Rektor zusammensetzte.
Dabei war die Rektorwahl schon ein seltenes Symbol der Einmütigkeit gewesen. Bereits im Juni 1906 hatte der Senat beschlossen, den Jubiläumsrektor frei unter allen rektorablen Professoren wählen zu lassen. Die Juristenfakultät verzichtete damals auf das ihr im Jahr 1909 turnusmäßige zustehende Vorschlagsrecht. Gewählt wurde dennoch ein Jurist, mit einem selten einmütigen Votum: Karl Binding (1841-1920) erhielt 95 von 101 abgegebenen Stimmen.

Auch die Jubiläumskommission konnte mit einem gewaltigen Vertrauensvorschuss agieren. Sie unterstand zwar dem Senat, besaß aber eine weitreichende Handlungsvollmacht und hatte nur in prinzipiellen Fragen den Senat um Genehmigung zu bitten. Am Ende des Festjahres wurde sie von einem Generalsekretär geleitet und besaß 12 Mitglieder, die durch Kooptationsrecht aus den Fakultäten ergänzt wurden, um die Aufgabenlast besser steuern zu können. Die meisten der beteiligten Professoren gehörten zugleich dem Senat an und führten jeweils eigenverantwortlich weitere Unterausschüsse, so dass es keine strukturellen Kompetenz- und Kommunikationsprobleme bei der Festvorbereitung gab.

Festorganisation

Einladungs- und Damenausschuss

Schon im Juni 1908 wurden die grundsätzlichen Arbeitsbereiche der Unterausschüsse umrissen, auch wenn ihre offizielle Tätigkeit erst mit der Rektorwahl von Karl Binding im Oktober 1908 einsetzte. Neben dem Einladungs-, dem Begrüßungs- und dem Empfangsausschuss gab es einen Wohnungs- und einen Damenausschuss. Der letztere wurde nicht von einem Professor, sondern von der Gattin des Rektors, Frau Binding, geleitet und hatte die mitreisenden Ehegattinnen zu betreuen.

Zur Organisation des eigentlichen Festes waren drei Ausschüsse gebildet worden: Der Historiker Gerhard Seeliger (1860-1921) war mit der künstlerischen und protokollarischen Umsetzung des Festgottesdienstes und der Festakte im Theater bzw. der Wandelhalle befasst. Für die Festhalle auf dem Messplatz war der Germanist Albert Köster (1862-1924) verantwortlich. Für ihn ergab sich eine besondere Arbeitslast, denn die Festhalle musste erst errichtet werden und danach galt es, darin einen gemeinsamen Festschmaus für über 10.000 geladene Gäste zu koordinieren.

Studentenfestausschuss

Als ebenso anspruchsvolle Tätigkeit dürfte sich die Organisation des Festzuges durch Carl Chun (1852-1914) erwiesen haben, den der Zoologe hatte außerdem noch aufs engste mit dem 1908 gebildeten Studentenfestausschuss zusammenzuwirken. Der Studentenausschuss stand außerhalb der professoralen Kommissionsebene, er übernahm die Ordnerfunktionen bei allen größeren Festaktivitäten, betreute die studentischen Abordnungen aus anderen Universitäten und ermöglichte den Festzug sowohl durch die freiwilligen Teilnehmer als auch durch die beigesteuerten Finanzen wesentlich mit.

Teure Feierlichkeiten

Im Hintergrund begleitete auf akademischer Seite noch der Presseausschuss die Herausgabe einer besonderen „Erinnerungsgabe” und der in vier Ausgaben erscheinenden Festzeitung. Lediglich über den Finanzausschuss unter dem Astronomen Heinrich Bruns (1848-1919) schweigt sich der amtliche Jubiläumsbericht von Binding weitgehend aus – hier hatte der Senat entschieden, keine Informationen zu veröffentlichen. Denn zum Schluss des Jubiläums gab es mehr finanzielle Löcher, als man vermutet hatte. Mittlerweile waren die pflichtbewussten Beamten im Rentamt „… ängstlich geworden bezüglich der Deckung …”. Auch den Rektor Binding plagten dunkle Vorahnungen, denn alle geschuldeten Aufträge waren durch legitimierte Vertreter der Universität ausgelöst worden. „Werden wir verklagt, so werden wir verurteilt, und der Gerichtsvollzieher wäre der unwillkommene Gast der Jubilarin.”

Ursprünglich war ein staatsfinanzierter Gesamtetat von 200.000 Mark veranschlagt worden – der aber war am Ende der Feierlichkeiten mit 20.000 Mark überzogen, denn besonders der Festumzug hatte erhebliche Mehrausgaben verursacht. Durch Spenden schrumpfte der Fehlbetrag zuletzt auf 5.000 Mark, die durch die Philosophische und die Juristenfakultät kurzerhand aus den eigenen Kassen bezahlt wurden.

Geschenke aus aller Welt an die Universität

Den hohen Ausgaben entsprach auf der Einnahmenseite jedoch auch eine Fülle an Geldgeschenken, Stiftungen und besonderen Widmungen, die in das Universitätsvermögen übergingen. Der Bericht von Binding zählt allein 36 Mäzene auf, die der Universität mehr als 405.000 Mark in verschiedenen Stiftungs- oder Stipendienformen, zumeist zweckgebunden, hatten zukommen lassen. Die Stadt Leipzig rangiert dabei als größte Stifterin: mit einer Summe von 100.000 Mark wurden Freitische für 20 Studenten eingerichtet.

Der größte Privatspender ist der Verlagsbuchhändler und frisch promovierte Ehrendoktor Fritz Baedeker (1844-1925), der 50.000 Mark an die Philosophische Fakultät übergibt. Sofort sichtbar wurde der Zugewinn für Leipzig auf der Studentenseite. Vergleicht man die Immatrikulationszahlen vier Jahre vor und nach dem Jubiläum, so verbuchte Leipzig eine Steigerung im Mittelwert von rund 17 Prozent. Dieser Zuwachs verteilte sich fast gleichmäßig auf alle Fakultäten, wobei die Mediziner und Theologen, vor der Philosophischen Fakultät und der Juristenfakultät, am meisten profitierten.

Feierlichkeiten

Der einzige Wermutstropfen bei den Feierlichkeiten blieb die beschränkte Teilnehmerzahl bei den Festveranstaltungen, die wiederum den fehlenden Plätzen geschuldet war. So wurde schon der ganze Festverlauf mit Rücksicht auf die Gästekapazitäten terminiert. Eine Veranstaltung zum eigentlichen Gründungstag, dem 2. Dezember, kam nicht in Betracht, da der Termin einerseits mitten im Semester gelegen war, andererseits die dann herrschenden Wetterverhältnisse die Enge noch drückender hätten werden lassen.

Auf dem 30. Juli 1909 lag mit vier Veranstaltungen der Schwerpunkt des Festes. Gegen 9 Uhr begann der akademische Festakt in der Wandelhalle der Universität. Die drangvolle Enge war auch dabei offensichtlicher Begleiter der Gäste. Aus dem im Januar 1909 berechneten Platz für gut 1070 Personen waren inzwischen 1250 Sitzplätze und 900 Stehplätze geworden, die Halle war bis zum letzten Platz gefüllt. Nach der feierlichen Übergabe des königlichen Standbildes folgte die gut einstündige Festrede von Wilhelm Wundt (1832-1920).

Der letzte König von Sachsen 1909 auf dem festlich geschmückten Augustusplatz, im Hintergrund die Paulinerkirche, links das Augusteum.

Am Sonnabend, dem 31. Juli, hatte seine Majestät der König als Rector magnificicentissimus der Universität Leipzig ausgewählte Gäste zu einem Essen auf die Meißener Albrechtsburg eingeladen. Vom Bahnhof Dresden fuhr eigens ein Sonderzug nach Meißen, der die Gäste später nach Leipzig zurück brachte.

Ehrenpromotionen

Anschließend nutzten die Fakultäten ihr ureigenstes Recht, das Promotionsrecht, um ihre Rolle innerhalb des universitären Festaktes durch insgesamt 89 Ehrenpromotionen gebührend zu demonstrieren. Dabei wurden sowohl bekannte Persönlichkeiten, aber auch stets Professorenkollegen aus den Nachbarfakultäten in honoris causa promoviert. Bei den Theologen wurden der Jurist Adolf Wach (1843-1926) und der Sanskrit-Philologe Ernst Windisch (1844-1918) für ihre fakultätsübergreifenden Leistungen geehrt. Weitere Ehrentitel wurden sowohl an den Kultusminister Heinrich Gustav Beck (1857-1933) und an hohe Kirchenräte, an bedeutende Theologen aus dem In- und Ausland, aber auch an verdiente Pfarrer aus der Landeskirche verliehen.

 Die Juristenfakultät vermochte ebenfalls mit glanzvollen Namen aufzuwarten, sie promovierte nicht nur den sächsischen König und zwei deutsche Bundesfürsten, sondern auch noch den bis März 1909 regierenden amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt (1858-1919) und den weithin bekannten Luftschiffpionier Ferdinand Graf von Zeppelin (1838-1917). Aber sie vergab gleichfalls Ehrungen an juristische Fachkollegen, an einen Buchhändler und an den Leipziger Philologen Justus Hermann Lipsius (1834-1920). Die Medizinische Fakultät bot ihren höchsten akademischen Grad dem Staatsminister der Finanzen, Conrad Wilhelm von Rüger (1837-1916), und dem früheren Kultusminister, Paul von Seydewitz (1843-1910), an. Außerdem wurde eine ganze Reihe von namhaften Kollegen, zumeist der Medizin benachbarter Disziplinen, geehrt, darunter die Leipziger Professoren Carl Chun sowie die Chemiker Ernst Beckmann (1853-1923) und Arthur Hantzsch (1857-1935). Einem Verlagsbuchhändler und zwei Künstlern verlieh die Fakultät ebenfalls ihre Ehrendoktorwürde.

Die Philosophische Fakultät als größte und älteste Korporation der Universität erhob den Prinz Johann Georg (1869-1938) und leitende sächsische Staats- sowie Leipziger Kommunalbeamte zu ihren Ehrendoktoren. Als besonderes Zeichen der engen und vertrauensvollen Verbundenheit innerhalb der Universität wurde der amtierende Rektor Karl Binding honoris causa promoviert. Für ihre wissenschaftlichen Leistungen ehrte die Philosophische Fakultät die Leipziger Kollegen, den Mediziner Paul Flechsig (1847-1929) und den Theologen Hermann Guthe. (1849-1936). Darüber hinaus wurden auch der Verlagsbuchhändler Fritz Baedeker und der Schriftsteller Gerhart Hauptmann (1862-1946) mit Ehrenpromotionen bedacht.

Mit einem ganz ausgezeichneten Gefühl konnte Binding die Gäste nach den Festtagen wieder in ihre Heimat verabschieden. Leipzig hatte sich so präsentiert, wie es sich nach diesen Festtagen fühlte – angekommen auf dem Olymp der Wissenschaften.

Universitätsarchiv Leipzig 2017.