Ohne allseitige Legitimation, Mißbrauch und Verlust der Studenten-Charte, eine Art “Wohnungs-Karte”, folgt die Karzerstrafe…

. . .

Zeichnung aus dem Karzer-Buch “Brummkaefer”, Universitätsarchiv Leipzig, UAL Rektor B 102.

 

In der “Leipziger Zeitung” vom Sonnabend, dem 22. März 1828, erschien folgende Anzeige:

“Bekanntmachung. Allen hiesigen Studenten wird hiermit bekanntgemacht, daß sie zur Befolgung der in dem am schwarzen Brete und an Gerichtstelle aushängenden Patente, wegen Empfangnahme der für nötig erachteten Charten und Anzeige ihrer jetzigen Wohnung, solche binnen sechs Wochen a dato zu bewirken haben, in dem unterbleibenden Falle nach Maßgabe des 56sten § der academischen Gesetze wider die Säumigen verfahren wird. Leipzig am 20. März 1828, Rector, Magistri und Doctores der Universität das.”

Zwei Tage später, am 24. März 1828, zog das “Leipziger Tageblatt” nach Beratungen mit der Veröffentlichung der Anzeige nach. Schon im Jahr davor, am 5. März 1827 hatte Magnifizienz Prof. Christian Daniel Beck (1757 – 1832) im “Concelio perpetuo” – der ständigen Beratung des Rektors – folgendes vorgetragen:

“…bei den Arretierungen der Studenten von Polizei- und Rathsdienern auch Stadtsoldaten wegen Pilizey- und anderen geringeren Vergehen seyen öfters durch die Weigerungen der Studenten und die Behandlung derselben unangenehme Beschwerden veranlassende Auftritte erfolgt, auch sey es bisher nicht möglich gewesen, ein sicheres Wohnungsverzeichnis der Studierenden zu erlangen, indem die Nachweisung der unterlaßenen Anzeige derselben nicht wohl möglich gewesen, von denh Studenten die Anzeige gewöhnlich unterblieben, deren Auffindung daher oft viele Wege verursacht und das Verfahren verzögert, wenn nicht vereitelt. Zu Begegnung dieser Übelstände würde die Einführung von Charten dienen, wie solche auch auf anderen Universitäten bereits gebräuchlich seyen. Auf denselben werde der Name, die Zeit der Inscription und die Hausnummern der Wohnung der Studenten bemerkt werden.”

An das Polizei-Amt und den Rat der Stadt Leipzig wurde am 24. Januar 1828 ein weiteres Schreiben gerichtet:

“Um ein genaues und sicheres Wohnungsverzeichniß der Studierenden allhier zu erlangen, haben wir beschloßen: daß jeder der hier ankommenden Studierenden bei seiner Inscription für die Zeit seines Hierseyns, eine mit unserem Siegel signierte Charte, auf welcher sein vollständiger Name, die Wissenschaft, die er studirt, seine Heimath, das Semester in welchem er inscribiert worden, endlich seyne Wohnung genau angegeben seyn wird, erhalten solle, welche er sobald er seine Wohnung verändert, in der Expedition unseres Consilii, um die Wohnungsveränderung darauf zu bemerken, bei namhafter Carcerstrafe zu produciren hat. Universität ersucht Polizei und Stadt, sich der von Studenten abgenommenen Charten anzunehmen und zusamt die Anzeige wider der Inhaber derhalb uns gekommen zulaßen, worauf wir derselben wernehmen und bestrafen nicht unterlaßen werden.”

Das Karzer-Bett im früheren Universitätskarzer…

Am 16. Februar 1828 fand sich im “Konferenzzimmer des Vereinigten Polizeiamtes” eine illustre Runde zusammen. Anwesend waren der Rektor, der Leipziger Bürgermeister und einige hohe Polizei- und Justizbeamte, die über das Schreiben berieten. Neue strenge Regeln für Studenten wurden eingeführt und auf folgende Punkte einigte man sich:

 

 

  • Studenten haben Charten zur allseitigen Legitimation bei sich zu führen, nicht nur wegen der Arretierung.

  • Studenten werden bei Mißbrauch der Charte und bei Verlust bestraft. Verlust ist unverzüglich zu melden.

  • Studenten haben die Charte sofort beim Beziehen der Wohnung dem Wirth wegen der Meldung an das Polizey-Amt “zur Abschriftsnahme” vorzulegen.

 

Die Universitätsbehörden setzten die neuen Regeln konsequent durch. Im Karzerbuch ist vermerkt, daß ein Student infolge “sich schuldig gemachter unstatthafter Verpfändung seiner Karte” einsaß. Das “Universitätsgericht” führte zu Vergehen aller Art eine Registrande (Disiplinargesetz §19). Die Karzerräume der Leipziger Universität befanden sich im dritten Stock des alten Senatsgebäudes, das 1893 den Umbauplänen Arved Rossbachs für ein neues Universitätshauptgebäude weichen musste. Karzerhaft war keine Kerkerhaft oder Einzelhaft, zu Vorlesungen und Spaziergängen konnte der Raum verlassen werden.

Mit der Charte für alle Studenten wurde der Studentenausweis geboren.

 

 

 

 

 

 

Bild mit freundlicher Genehmigung von Universitätsarchiv Leipzig. Tradition und Moderne. Seit 1409. | Universitätsarchiv Leipzig