Historische Hilfswissenschaften kurz erklärt

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Historische Hilfswissenschaften kurz erklärt

Archive sind Wissensspeicher. Sie sind für Überlieferungsbildung seit Jahrhunderten zuständig und bewahren einmalige Quellen auf. Damit dieses Wissen vergangener Zeiten gelesen und verarbeitet werden kann, sind die Historischen Hilfswissenschaften als eine Teildiziplin der Geschichtswissenschaft unabdingbar. Sie befassen sich besonders mit der Erschließung und wissenschaftlich korrekten Aufarbeitung der Quellen. Historische Hilfswissenschaften sind „das Werkzeug des Historikers“ (Ahasver von Brandt) und somit eine Art Grundlagenwissenschaft. Die vermittelten grundlegenden Kenntnisse sind unerläßlich für das Verständnis der Quellen, das gilt für analoge und digitale Archivalienrepräsentationen. Mit der Digitalisierung archivalischer Quellen ist der Zugriff im „Virtuellen Lesesaal“ zu Forschungszwecken erleichtert: aber auch die digitalen Quellen müssen vom Historiker gelesen und mit ihrer zeitgenössischen Datierung verstanden werden.

Zum engeren Kreis der Hilfs- bzw. Grundwissenschaften und zum unverzichtbaren Rüstzeug der Geschichtswissenschaft für die Arbeit mit archivalischen Quellen gehören:

  • Akten- oder Archivalienkunde: Sie untersucht Schriftstücke aus amtlichen Tätigkeiten. Erkenntnisse zu ausgeführten Geschäftsgängen, Einblicke in vergangene Verwaltungen, in Kompetenzverteilungen, Hierarchien und Arbeitsmethoden, Schnittstelle zwischen Archivwissenschaft und Hilfswissenschaft, Kenntnisse zur archivarischen Bewertung, Dokumentation und Bearbeitung schriftlicher Quellen.
  • Diplomatik (Urkunden- und Aktenlehre): Unterscheidung in drei verschiedene Urkundengruppen: Kaiser- und Königsurkunden, Papsturkunden, Privaturkunden. Untersuchung der Urkunde nach äußeren Merkmalen wie Papier und Schrift, Besiegelung, Unterschriften und bestimmte Grußformeln, und nach inneren Merkmalen wie Stil und Sprache. Latein ist Vorraussetzung.
  • Weitere Hilfs- und Grundwissenschaften: Paläographie (Schriftgeschichte), Sphragistik (Siegelkunde), Epigraphik (Inschriftenkunde), Chronologie (Zeitrechnung), Numismatik (Münzkunde), Heraldik (Wappenkunde), Genealogie (Personen- und Familienforschung), die Lehre von den Herrschaftszeichen in der Mittelalterlichen und Neueren Geschichte, die Digitale Geschichtswissenschaft, Digitale Hilfswissenschaft, Digitale Archivwissenschaft

Die Arbeit an Originalen im Universitätsarchiv Leipzig ist ein integraler Bestandteil der Lehre (Seminar und Übung) in den Historischen Hilfswissenschaften. Im Sommersemester 2017 kann das Fach Historische Hilfswissenschaften als Begleitfach im Bachelorstudiengang an der Universität Leipzig studiert werden. Geschichtsforschung, Historische Hilfswissenschaften und Archivwissenschaft befinden sich gemeinsam an einer komplexen Schnittstelle im Umgang mit historischen archivalischen Quellen – analog und digital. Erfolgreiche wissenschaftliche Forschung im virtuellen Lesesaal, die Arbeit an digitalen archivalischen Quellen und mit entsprechender digitaler Infrastruktur benötigt grundlegende Kenntnisse der Historischen Hilfswissenschaften.

 

Literatur:

  • Ahasver von Brandt: Werkzeug des Historikers. Eine Einführung in die Historischen Hilfswissenschaften. 16. Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2003, ISBN 3-17-017996-9 (Kohlhammer-Urban-Taschenbücher 33).