Hans Mayer 1907 – 2001

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Hans Mayer

Hans Mayer 1907 – 2001

Literaturwissenschaftler und Jurist, 1948 bis 1963 Inhaber des Lehrstuhls für Literaturwissenschaft, 1992 Ehrendoktor, 2001 Ehrenbürger der Stadt Leipzig

Hans Mayer

Am 19. März 2007 war der hundertste Geburtstag des Literaturwissenschaftlers, Kulturhistorikers und Kritikers Hans Mayer, der von 1948 bis 1963 Professor in Leipzig war. Seine tiefgreifende Wirkung an der Universität und in der Stadt sowie die Umstände seines Weggangs aus der DDR sind bis heute Gegenstand einer Debatte, die für das Selbstverständnis von Stadt und Universität von erheblicher Bedeutung ist. Während die Beiträge dazu in den letzten Jahren (vgl. Klein u.a.: Hans Mayers Leipziger Jahre; Klein: Unästhetische Feldzüge) aus dem Kreis der Zeitgenossen stark von deren Erinnerungen und Rechtfertigungsinteressen geprägt waren– dazu gehören auch Mayers eigene autobiographische Schriften „Ein Deutscher auf Widerruf“ (1982/84) und „Der Turm von Babel“ (1991) – scheint jetzt die Zeit für eine Historisierung des Blicks auf diese Geschehnisse gekommen. Dazu werden sicher zwei jüngst erschienene Bücher, die Mayers Briefe und die Dokumente von Partei und Staatssicherheit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben (Lehmstedt: Briefe; Lehmstedt: Dokumente), erheblich beitragen.

Hans Mayer entstammte einer jüdischen Familie großbürgerlichen Zuschnitts. Er studierte Rechtswissenschaft und beendete sein Studium 1931 mit einer juristischen Promotion. Die Lektüre von Georg Lukács „Geschichte und Klassenbewußtsein“ prägte nachhaltig seine Identität als Anhänger des Marxismus, und er schloss sich während seiner Studienzeit politischen Gruppen im Umfeld sozialistischer Bewegungen an. 1933 musste er nach Frankreich flüchten, von wo er in die Schweiz übersiedelte. Dort lebte er u.a. von Auftragsarbeiten für das Institut für Sozialforschung. In dieser Zeit hat er sein Buch „Georg Büchner und seine Zeit“ geschrieben, das seinen Ruf als Literaturwissenschaftler dauerhaft begründete. Nach dem Ende des Krieges kehrte er in die amerikanisch besetzte Zone zurück; er arbeitete zunächst als Redakteur bei der Deutsch-Amerikanischen Nachrichtenagentur und als Chefredakteur bei Radio Frankfurt am Main. In dieser Situation – am Beginn einer aussichtsreichen Karriere im Mediensystem Westdeutschlands – bekam er einen Ruf an die Universität Leipzig. Ab 1948/49 lehrte er an der neu gegründeten Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät als Professor für Kultursoziologie. 1951 wurde er an das Germanistische Institut als Professor für „Geschichte der Nationalliteraturen“ berufen. 1956 wurde er nach der Emeritierung von Hermann August Korff Direktor des Instituts für deutsche Literaturgeschichte, das neben dem Institut für deutsche und germanische Philologie am 1. Dezember 1956 neu gegründet worden ist. Dieses Jahr, in dem er nach außen hin wohl den Höhepunkt seiner Wirkungsmöglichkeiten erreicht hatte, brachte auch die Wende in seinem Verhältnis zu Staat und Partei. Ab 1956 wurde er von der Staatssicherheit überwacht, weil man ihn und Ernst Bloch der konspirativen Zusammenarbeit mit Wolfgang Harich verdächtigte, und gleichzeitig intensivierte sich auch die Kritik an seiner Lehrtätigkeit und an seinen Veröffentlichungen in den Publikationsorganen der DDR. Diese Konflikte führten schließlich dazu, dass Hans Mayer im August 1963 von einer Westreise nicht mehr zurückkehrte und seine Leipziger Professur aufkündigte.

Die üblichen Deutungen dieses Endes führen den Konflikt primär auf das bornierte Verhalten bestimmter Repräsentanten der SED zurück. Im Rückblick kann man aber sagen, dass die Auseinandersetzung systembedingt und unvermeidbar war. Auf der Seite der Partei war der Ruf an Hans Mayer Ergebnis einer Politik der Anwerbung von Remigranten und Nazi-Gegnern, die an den Universitäten ein Gegengewicht gegen die „bürgerlichen“ Professoren bilden sollten. Bei diesen Berufungen spielten das intellektuelle Profil und die Nähe zur marxistischen Weltanschauung eine ebenso wichtige Rolle wie die fachwissenschaftliche Eignung, so dass es möglich war, einen „Seiteneinsteiger“ wie Hans Mayer nacheinander auf Professuren zu berufen, die völlig unterschiedliche Qualifikationen voraussetzten (vgl. Middell: Moderner Geistestyp). Diese zahlenmäßig kleine Gruppe, zu der u.a. der Philosoph Ernst Bloch, der Historiker Walter Markov und der Romanist Werner Krauss gehörten, hat die Positionen der marxistischen Philosophie mit undogmatischer Offenheit, Weltläufigkeit und intellektuellem Glanz vertreten und nicht unerheblich zum internationalen Ansehen und zur Attraktivität der Universität Leipzig als Studienort in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts beigetragen. Es ist kein Zufall, dass eine bedeutende Gruppe von DDR-Schriftstellern der zweiten Generation in dieser Zeit in Leipzig studiert hat. Regierung und Partei legten großen Wert auf dieses regional und international ausstrahlende Ansehen, das dem Prestige des jungen Staates sehr förderlich schien. Gleichzeitig hatte die Partei aber auch ein vitales Interesse daran, dass die Studierenden von diesen Professoren zu loyalen Funktionsträgern des neuen Staates erzogen wurden. Was die Erziehung zur Loyalität mit dem System angeht, so war Hans Mayer aus eigener Überzeugung bereit, bis an die Grenze des Möglichen zu gehen. Obwohl er schon 1957 zu skeptischen Einschätzungen des politischen Systems der DDR gekommen ist, bleibt er bei dem Urteil, dass die DDR im Vergleich zur Bundesrepublik immer noch das „kleinere Übel“ (Lehmstedt, Dokumente, S. 105) sei.

Den westdeutschen Staat kann er in dieser Zeit offenbar nur als Restauration des Faschismus wahrnehmen. Mit diesem Glauben, dass die DDR trotz aller Mängel die geschichtlich überlegene Idee repräsentiere, stand Hans Mayer nicht allein, sondern befand sich in Übereinstimmung mit vielen Intellektuellen seiner Generation in beiden Teilen Deutschlands. Er selbst bekräftigte diese Überzeugung noch 1991: „Das schlechte Ende widerlegt nicht einen – möglicherweise – guten Anfang“ (Mayer: Turmbau, S. 15). Diese Loyalität zum System hatte allerdings dort ihre Grenzen, wo es um Literatur und Literaturwissenschaft ging, deren Unabhängigkeit Hans Mayer kompromisslos verteidigte und dabei auch in Gegensatz zu dem von ihm hoch geschätzten Georg Lukács geriet. Schon in seinem Buch über Georg Büchner zeigt sich, dass er in der Tradition der Genieästhetik der Goethezeit steht, die im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts mit dem Ziel entwickelt worden ist, der Kunst einen eigenen Bereich von Wahrheit zu reservieren und damit auch das Recht des Künstlers zu sichern, in seinem Werk einen unverwechselbaren Ausdruck seiner Individualität zu geben. Auf dieser Grundlage, verbunden mit stupender Kenntnis der Weltliteratur und sicherem Gespür für ästhetische Qualität basierte seine wissenschaftliche Arbeit und seine Lehre in der Leipziger Zeit, in der er in geschliffener freier Rede seine Zuhörer faszinierte.

Dies hatte allerdings Folgen für sein Verhältnis zur Partei, weil er damit in Widerspruch zu den Kunstdogmen der SED geriet. Dies begann schon mit der Wahl von Autoren und Texten, die gemäß der Parteidoktrin als „bürgerlich“ oder gar „dekadent“ galten. Dass er sich mit Thomas Mann befasste anstatt mit einem ideologisch zuverlässigeren Autor, dass er Kafka und Proust hochschätzte, war schon Stein des Anstoßes genug. Gravierender war noch, dass er formale Errungenschaften der Literatur des 20. Jahrhunderts, die gemäß der Doktrin des „Sozialistischen Realismus“ Symptome des Niedergangs der bürgerlichen Klasse waren, in die Literatur der sozialistischen Welt integrieren wollte, dass er die Forderung nach „Volkstümlichkeit“ der Literatur mißachtete, dass er das Dogma der Priorität des Inhalts vor der Form relativierte, dass er im Jahr 1956 in einem Zeitungsartikel den literarischen Werken der sozialistischen Länder nach 1945 vorwarf, den Anschluss an den Entwicklungsstand der modernen Literatur verpasst zu haben und dass er 1960 – in einem Vortrag über Lenin – den Begriff der Parteilichkeit des Künstlers und Wissenschaftlers im Sinne einer Wahrung der Interessen und Methoden ihrer autonomen Bereiche auslegte.

Ein System mit totalitärem Wahrheitsanspruch kann diesen Anspruch auf einen Sektor eigener Wahrheit nicht dulden, und es kann nur den verwundern, der sich über den Charakter dieses Systems Illusionen macht, dass die Partei ab 1956 mit allen Mitteln versucht hat, gegen Hans Mayer ihren Standpunkt in Fragen der Literatur in der publizistischen Öffentlichkeit und an der Universität Leipzig geltend zu machen. Die jetzt veröffentlichten Dokumente zeigen ganz deutlich, dass es nicht Ziel der Partei war, den unbequemen Professor zu vertreiben. [ …]

Von Ludwig Stockinger. Source: Jubiläen 2017.
Prof. Dr. Ludwig Stockinger ist Professor für Neuere deutsche Literatur am Institut für Germanistik der Universität Leipzig.

20. Jahrhundert | Berühmtheiten und Studenten an der Universität

 

Bild mit freundlicher Genehmigung von Universitätsarchiv Leipzig. Tradition und Moderne. Seit 1409. | Universitätsarchiv Leipzig

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Pavel Coclik
Pavel Coclik

Šťastný nový rok! Šup sem, šup tam, s námi už to nevyhrajou,
šup sem, šup tam, nám už je to fuk.

Starej bábě dáme hrábě, aby s nima hraba la,
mladé holce dáme chlapce, aby ho milova la.

Stará bába jako žába, studená je jako led,
a ta mladá celkem pěkná milovala by se hned.




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Steven G.
Steven G.

Happy New Year 2017 to all of you from NYC!




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Marie-Anne N.
Marie-Anne N.

Alles Gute den fleißigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Universitätsarchivs! Ich bedanke mich für Ihre Hilfe und werde in 2017 sicherlich noch ein paar Anfragen haben. Danke und beste Wünsche für 2017!




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Rainer K.
Rainer K.

Ein Gesundes Neues Jahr Ihnen allen! Weiter so, besonders Ihre interessanten Veranstaltungen und Publikationen sind für mich ein MUß und besonderes Anliegen! Ein großes Dankeschön für die persönliche Betreuung. Also Frohes Schaffen weiterhin für die Universität! Vivat, crescat, floreat!




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