Diebstahl im Dienst der Wissenschaft? Zum Todestag Konstantin von Tischendorfs

. . .

Alle Zutaten zu einem spannenden Wissenschaftskrimi waren vorhanden: ein überaus ehrgeiziger Forscher, Bibeljäger, eine Reise in eine ferne Gegend zu einem entlegenen Kloster, wohlgesonnene Mönche, die aber später jeden Einblick in ihre Kammern verwehrten, eine unglaubliche Entdeckung nie gesehener Schriftstücke, deren eiligste Entzifferung und Abschrift, neue glückliche Funde. Weitere Schauplätze waren der russische Zarenhof, Stalins Devisenhandel, die British Library  und die Leipziger Universitätsbibliothek. Die Fäden dieser Geschichte laufen zusammen bei Konstantin von Tischendorf und sie beginnt unspektakulär: am 18. Januar 1815, vor 200 Jahren, wurde er als neuntes von elf Kindern in Lengenfeld im Vogtland als Sohn eines Gerichtsarztes geboren. Ab Ostern 1834 studierte er an der Universität Leipzig Theologie und Philologie. Grossen Einfluss hatte Johann Georg Benedict Winer (1789-1858), der sich des jungen Studenten annahm.Sein Studium schloss er 1838 mit der Promotion zum Dr. phil. ab,  zwei Jahre später habilitierte er an der Universität Leipzig. Von 1838 bis 1839 arbeitete Tischendorf als Lehrer an der Erziehungsanstalt des Pastors Zehme in Großstädteln bei Leipzig. Der 23jährige Tischendorf lernte dort die 16jährige Pfarrerstochter Angelika Zehme “seine heimliche Braut” kennen und lieben, mit seiner späteren Frau hatte er acht Kinder.

 

tischendorf_FS_N06241-007-641x1024

Konstantin von Tischendorf, Universitätsarchiv Leipzig.


 

Schon als junger Mann war Tischendorf äußerst strebsam und fleißig, er bekam Preise zuhauf für seine wissenschaftlichen Arbeiten. Nach Promotion und Habilitation (Prolegomena zu Novum Testamentum graece)  Oktober 1840 unternahm der Privatgelehrte mehrere ausgedehnte Studienreisen nach Frankreich, Großbritannien, Italien und in den Nahen Osten. 1845 kehrte er wieder nach Leipzig zurück und begann seine Forschungsergebnisse auszuwerten. Ende 1845 wurde Tischendorf zum außerordentlichen Professor und 1851 zum Honorarprofessor berufen. 1859 richtete ihm die Universität Leipzig dafür einen Lehrstuhl für “Biblische Paläographie und Theologie” ein.  Zahlreiche Angebote anderer Universitäten schlug er aus. Bereits während des Studiums wurde Tischendorf 1836 und 1838 von der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig mit Preisen für im Studium angefertigte Schriften ausgezeichnet, 1843 erhielt er von der Breslauer Theologischen Fakultät die Ehrendoktorwürde für die Edition des Novum Testamentum graece nach neuen methodischen Grundsätzen. 1865 ernannten ihn die Universität Cambridge zum Dr. of Law und die Universität Oxford zum Dr. of Civil Law., 1865 wurde Tischendorf Königlich Sächsischer Geheimer Hofrat. Im Jahre 1869 wurde der herausragende Gelehrte in den erblichen russischen Adelsstand erhoben.

 

 

Konstantin von Tischendorf, Universitätsarchiv Leipzig.

 

43 Blätter im Katharinenkloster

Tischendorf untersuchte, verglich und edierte verschiedene Fassungen des Neuen Testaments. 43 Blätter einer frühchristlichen griechischen Bibel aus dem 4. Jahrhundert fand  er im Katharinenkloster auf der Halbinsel Sinai, sie steckten angeblich in einem Abfallkorb. Er nahm sie mit, um sie zu veröffentlichen. Darum entspann sich ein Streit: Hatte er die Blätter gestohlen oder von den Mönchen zum Geschenk bekommen? Bei späteren Reisen versuchte Tischendorf, noch mehr Manuskripte zu bekommen, doch nun waren die Mönche nicht mehr so freigiebig. Ihm gelang eine Ausleihe und Abschrift weiterer Seiten. So konnte er die ältesten und vollständigsten Schriften des Neuen Testaments veröffentlichen, es war ein unschätzbar großer Gewinn für die Theologie, die kritische Bibelwissenschaft und die Schriftkunde.

Teile dieser Schriften, die wegen des Fundortes Codex Sinaiticus genannt wurden, kamen nach Leipzig, andere gelangten als Geschenk an den russischen Zaren, die Sowjetregierung verkaufte später einzelne Blätter nach London. In Leipzig ging Tischendorf unverzüglich an die Erschließung seiner umfangreichen, auf der ersten Reise gesammelten Materialien, entwickelte eine intensive Publikationstätigkeit und avancierte 1850 zum Honorarprofessor. Mit Unterstützung der sächsischen Regierung unternahm er 1853 eine zweite Reise zum Sinai, die jedoch erfolglos blieb; die seinerzeit zurückgelassenen Blätter schienen inzwischen verschollen zu sein.

Die Geschichte nimmt ein gutes Ende: Heute arbeiten die vier Standorte, an denen sich die Bibel-Fragmente befinden – Leipzig, London, St. Petersburg und das Katharinenkloster – zusammen und sie erschließen gemeinsam den Codex Sinaiticus. Dem Leipziger Professor Konstantin von Tischendorf (18. Januar 1815, Lengenfeld – 7. Dezember 1874, Leipzig) ist es zu verdanken, dass der Codex in der Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckt und veröffentlicht wurde. Bis zu seinem Tod am 7. Dezember 1874 im Alter von 59 Jahren hielt er in Leipzig Vorlesungen vor allem in griechischer Paläographie und in neutestamentlichen Fächern. Seine Beerdigung fand am 10. Dezember unter großer öffentlicher Beteiligung auf dem neuen Johannisfriedhof in Leipzig statt. Wer möchte, kann mit einem Blick in die Historischen Vorlesungsverzeichnisse der Universität Leipzig die rege Lehrtätigkeit Tischendorfs nachvollziehen. Sein Werk setzte der deutsch-amerikanische Privatgelehrte Caspar René Gregory fort.

 

tischendorf_eisenbahn

Gedenktafel in der Leipziger Eisenbahnstrasse.

 

 

Von Beate Rebner.

Universitätsarchiv Leipzig 2016.

 


 

Für Freunde und Besucher des Universitätsarchivs Leipzig, wir freuen uns über Ihre Einträge. Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Kommentare werden moderiert.

[comment-guestbook]

 

Auch gern gelesen:

[nlposts number_posts=2 display_type=block blog_id=1 thumbnail=true thumbnail_wh=300×200]

 

Bild mit freundlicher Genehmigung von Universitätsarchiv Leipzig. Tradition und Moderne. Seit 1409. | Universitätsarchiv Leipzig