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Siegel, Zepter, Statuten und die Rektorkette symbolisieren noch heute die tradierten Kernelemente der akademischen Selbstverwaltung

Siegel, Zepter, Statuten und die Rektorkette symbolisieren noch heute die tradierten Kernelemente der akademischen Selbstverwaltung. Die Statuten standen für das geschriebene Wort und die frei gefassten Regeln des Universitätslebens, die Zepter verdeutlichten die akademische Gerichtshoheit und die Siegel den bindenden Gemeinschaftswillen. Die Rektorkette, an das Wahlamt gebunden, demonstriert die Rolle der Akademiker in der Gesellschaft – in der intellektuellen Elite zählen nämlich keine Geburtsrechte, nur die individuelle Leistung und die Redlichkeit Siegel, Zepter, Statuten und die Rektorkette symbolisieren noch heute die tradierten Kernelemente der akademischen Selbstverwaltung entscheiden über den eigenen Status. Diese Symbolik ist an der Universität über die Jahrhunderte hinweg lebendig geblieben, denn ihre Zeichen und Insignien werden beim turnusmäßigen Rektorwechsel öffentlich präsentiert und weitergereicht. In den politischen Stürmen des 20. Jahrhunderts gerieten die Universitätssymbole immer wieder in den Fokus öffentlicher Auseinandersetzungen. Ausgerechnet eines der jüngsten Wahrzeichen der Universität, die 1909 vom Lehrkörper selbst gestiftete Universitätsfahne, wurde 1918 plötzlich zum Gegenspieler der Revolution stilisiert. Damals wurde der Universität verordnet, die rote Fahne der Arbeiter- und Soldatenräte auf ihrem Hauptgebäude zu hissen. Über Nacht entfernten kriegserfahrene Studierende das Tuch jedoch wieder, und stattdessen ließ der Rektor am nächsten Tag die Universitätsfahne aufziehen.

1953 wurde mit der Umbenennung zur Karl-Marx-Universität Leipzig symbolisch ein Schritt vollzogen, der eine Neuausrichtung des gesamten universitären Wesens ankündigte.

Das reizte den Zorn der Revolutionäre, die bewaffnet die Universität stürmten und die Universitätsflagge mit den Farben der Meißner Markgrafen [schwarze und goldene Streifen mit dem Meißner Löwen] einholten. In der Folge kam es nun erstmals zum Rücktritt eines Leipziger Rektors – ein ungeheuerlicher Vorfall für die Zeitzeugen. Die nationalsozialistische Diktatur verordnete der Universität gleich per Gesetz, ausschließlich das Hakenkreuz zu verwenden, und rigide grenzte man unerwünschte Akademiker auch in der Wissenschaft aus und verfolgte sie.

In Ostdeutschland entstand nach 1945 wiederum ein nichtdemokratisches Staatswesen, dem die alten Universitäten und ihre Professoren zumeist als bürgerliche Relikte galten. 1953 wurde mit der Umbenennung zur Karl-Marx-Universität Leipzig symbolisch ein Schrittvollzogen, der eine Neuausrichtung des gesamten universitären Wesens ankündigte. In den folgenden Jahrzehnten wurden das bisherige Traditions- und Wissenschaftsverständnis marginalisiert und seine Verdrängung durch sozialistische Rituale und Symbole betrieben. Erst seit knapp 20 Jahren kann sich die Universität Leipzig wissenschaftlich und akademisch wieder frei entfalten – in einer demokratischen Gesellschaft hat sie den nötigen Selbstverwaltungsspielraum und ihre Autonomie wieder zurück gewonnen. Der Neubau am Augustusplatz erinnert mit seiner architektonischen Gestalt an die historische Tradition der Universität und an ihre Brüche. Dazu gehörte auch das Universitätssiegel, das sich als steinernes Relief bis zur Sprengung im Jahre 1968 über dem Haupteingang zum Augusteum befand.


Literatur

Die Leipziger Universitätssiegel. Von Jens Blecher. Herausgegeben mit freundlicher Unterstützung der Vereinigung von Förderern und Freunden der Universität Leipzig e.V.


 

 

 

Bild mit freundlicher Genehmigung von Universitätsarchiv Leipzig. Tradition und Moderne. Seit 1409. | Universitätsarchiv Leipzig