Vor 135 Jahren | Übergabe des Collegium Juridicum

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Blick in die Aula des Collegium Juridicum, um 1890. Universitätsarchiv Leipzig UAL FS Ü00202

Zum 135. Jahrestag der Übergabe des Neubaus

Das Grundstück, auf dem sich auch heute noch, oder wieder, das Juridicum der Universität Leipzig befindet, gehörte teils seit Mitte des 15. Jahrhunderts der Juristenfakultät, teils gelangte es zu Beginn des 16. Jahrhunderts in das Eigentum der Juristenfakultät. Vorher gehörte dieser Teil der Philosophenfakultät. Wegen seiner Lage im Petersviertel wurde es auch schon frühzeitig Collegium Petrinum genannt.

Im Jahre 1515, wenige Jahre nach dem Eigentumsübergang, konnte ein neuerrichtetes Gebäude in der Petersstraße bezogen werden. Am anderen Ende des Grundstücks – an der Schloßgasse – befand sich das Ordinariatsgebäude.
Im Dreißigjährigen Krieg wurde den Gebäuden die Nähe zur Pleißenburg zum Verhängnis. Bei deren Belagerung wurde das Collegium Juridicum zerstört und zunächst nicht wieder aufgebaut. Die Schweden ließen auf dem Grundstück Häuser für Soldaten errichten; der Unterricht der Juristen fand in anderen universitären Gebäuden statt. Dem Einsatz des damaligen Ordinarius Siegismund Finckelthaus war es zu verdanken, dass 1641 ein neues Auditorium auf dem angestammten Grundstück eingeweiht werden konnte.

Auch im Siebenjährigen Krieg wurde das Gebäude wiederum – dieses Mal als Lazarett – zweckentfremdet. Erst sieben Jahre nach dem Kriegsende konnte die Fakultät ihr Grundstück zurückerwerben. Ohne Verwendung staatlicher Mittel gelang es dem Ordinarius Carl Ferdinand Hommel, einen zusätzlichen Neubau an der Schloßgasse errichten zu lassen, der im Herbst 1773 feierlich seiner Be-
stimmung übergeben wurde.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts reichten die Räumlichkeiten nicht mehr aus. Als sich dann noch „gar eine Baufälligkeit des alten Hauses […] bemerkbar machte“ (Friedberg) fasste die Fakultät den Beschluss, auf dem vorhandenen Grundstück einen Neubau errichten zu lassen. Die Mittel dazu – 497.500 Mark – stellte die Regierung leihweise zur Verfügung. Daraufhin wurden 1880 sowohl das alte Petrinum an der Peterstraße als auch das neue an der Schloßgasse abgerissen.

An ihrer Stelle ließ die Fakultät durch den Baurat Gustav Müller ein großes Geschäfts- und Wohnhaus errichten, das das Grundstück vollständig überbaute und in Annäherung an die in Leipzig üblichen Höfe eine Passage aufwies, die einen Durchgang von der Petersstraße zum Burgplatz erlaubte. Die neue Bebauung erinnerte nur noch im äußeren Umriss an seine Vorgänger. Dieser Neubau wurde am 30. Oktober 1882 vom Dekan Emil Friedberg seiner Bestimmung übergeben. Zur feierlichen Einweihung konnte der Dekan nicht nur die Universitätsleitung
begrüßen, sondern auch den Kultusminister und ehemaligen Fakultätsangehörigen v. Gerber, den Sächsischen Generalstaatsanwalt v. Schwarze, den Leipziger Oberbürgermeister Georgi sowie Reichsgerichtsräte und -senatspräsidenten.

Friedbergs Festvortrag, den er am selben Tag auch als Monographie vorlegte, hatte die Geschichte der Fakultät zum Gegenstand. Nach einem Mittagsfestmahl endete der Tag mit einer Abendgesellschaft im Hôtel de Russie. Der für seine Zeit moderne Gründerzeitbau beherbergte lediglich in kleineren Bereichen die Juristenfakultät. Nur der von beiden Straßenfronten abgeschlossene Mitteltrakt des langgestreckten neuen Gebäudes wurde von der Fakultät genutzt.

„Zwei Aufgänge, die durch niedere Eisengitter verschließbar sind, führen im Mittelgebäude mit steinernen Stufen zum ersten Stock hinan. Beide gewähren Zugang zu dem Saal der Facultät […] Er ruht auf dem Gewölbe des Durchganges vom ersten zum zweiten Hofe […] Gehen wir links hinauf, so gelangen wir zum Haupteingange des Saales, der in der Ostseite angebracht ist, unter der Galerie, von der aus korinthische Säulen zur Decke steigen. An der Südseite des Saales befinden sich die Katheder, ein kleinerer und hinter ihm der größere. Die Schmalseiten des stattlichen Raumes […] bedecken dreiundzwanzig Professoren- und Fürstenporträts in Oel gemalt, die älteren und ältesten von Maler Wilhelm Georgy hier mit kunstverständiger Hand vor der Vernichtung bewahrt und restaurirt. […] Die nicht durch Porträts auf uns gekommenen Ordinarien werden wenigstens den Namen nach auf der Wand nach Westen angeführt.“

Dieser Saal wurde später kurz Juristenaula genannt. „Vom Südende des Saales führt ein Ausgang nach dem neuen Sitzungssaal der Facultät (mit Vorzimmer), vom Nordende ein Ausgang nach dem Treppenhause und dem neuen juristischen Seminar. Auch für die Kanzlei der Facultät, ihr Archiv, Bibliothek, die Examinatoren sind Räume und zwar zwei im Ostflügel des Hauses eingerichtet, die zum Theil bereits in Gebrauch genommen wurden.“ Das Juristische Seminar insgesamt wurde allerdings erst im Wintersemester 1883/84 eröffnet.

Auch die nach der Jahrhundertwende gegründeten Institute der Juristenfakultät wurden überwiegend im Juridicum untergebracht. Da nunmehr keine Vorlesungen mehr im Petrinum stattfanden, sondern nur noch Seminarübungen, Praktika und Exegetika, konnte der überwiegende Teil des Gebäudes als Geschäftsfläche vermietet werden.

Am 4. Dezember 1943 wurden große Teile der Leipziger Innenstadt durch einen amerikanischen Bombenangriff zerstört. Während das Nachbargebäude erhalten blieb, wurde das Collegium Juridicum ein Raub der Flammen. Die durchaus noch beachtlichen Trümmer wurden nach dem Kriege abgetragen. Der Wiederaufbau konnte erst nach der Wiedervereinigung Deutschlands in Angriff genommen werden. Im Herbst 2001 bezogen die zivil- und strafrechtlichen Lehrstühle der Fakultät das neue Gebäude am historischen Ort.

Von Bernd-Rüdiger Kern, Jubiläen.

Der Autor Bernd-Rüdiger Kern ist Professor für Bürgerliches Recht, Rechtsgeschichte und Arztrecht an der
Juristenfakultät.

Literatur

  • Emil Friedberg; Das Collegium Juridicum. Ein Beitrag zur Geschichte der Leipziger Juristenfacultät. 1882.
  • Cornelius Gurlitt: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen. H. 17, Stadt Leipzig 1895. ND 1995, S. 242-
  • Emil Friedberg: Die Leipziger Juristenfakultät, ihre Doktoren und ihr Heim (=Festschrift zur Feier des 500jährigen Bestehens der Universiät Leipzig), 2. Band. 1909.
  • Heinz Füßler (Hrsg.): Leipziger Universitätsbauten: Die Neubauten der Karl-Marx-Universität seit 1945 und die Geschichte der Universitätsgebäude, 1961.
  • Jens Blecher und Gerald Wiemers: Die Universität Leipzig 1409-1943. Ansichten– Einblicke – Rückblicke.