Ältestes Siegeltypar der Artistenfakultät, um 1456

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Symbole akademischer Selbstverwaltung

Siegel, Zepter, Statuten und die Rektorkette symbolisieren noch heute die tradierten Kernelemente der akademischen Selbstverwaltung. Die Statuten standen für das geschriebene Wort und die frei gefassten Regeln des Universitätslebens, die Zepter verdeutlichten die akademische Gerichtshoheit und die Siegel den bindenden Gemeinschaftswillen. Siegel und Siegelführung waren für die akademischen Korporationen ein wichtiges Element ihrer rechtlichen Autonomie und Selbstverwaltung. Dabei dienten die Siegel nicht nur der rechtlichen Beglaubigung, sondern stellten auch ein wichtiges Präsentanz ausgeübter und übertragener Macht dar. Sie verkörperten, vor allem für die mittelalterlichen Universitätsgründungen wichtig, den materiell sichtbaren Beweis einer Privilegierung –  diese Symbolik hatte nicht nur formellen Charakter. Neben der christlichen Ikonographie finden sich daher Bezüge auf weltliche Mächte, wie städtische Körperschaften oder landesherrliche Regenten bzw. Stifter. Symbolisiert werden das eigene Lehrgeschäft und auch die klerikale Seite der Universitäten mit der Darstellung kirchlicher Würdenträger. Das Siegel erlaubte den akademischen Korporationen, die keine natürlichen Personen, sondern Gemeinschaften waren, ihren Willen nach außen verbindlich zu erklären und rechtliche Verhandlungen schriftlich zu legitimieren. Siegel waren deshalb für das Gemeinwohl der Korporationen eminent wichtig und wurden sorgsam verwahrt.

Ältestes Siegel der Artistenfakultät, um 1456. Abbildung nach Friedrich Zarncke.

 

Leipziger  Fakultätssiegel

Die ersten Fakultätssiegel enstehen vermutlich um 1430 oder kurz danach. Bezüge zu den Siegelvorbildern der Prager Universität fehlen außer bei den Medizinern weitgehend. Es finden sich immer wieder starke religiöse Bezüge, die sich symbolisch von den »Irrlehren« der Hussiten abgrenzen. Die älteste Siegelform stammt wohl aus der Artistenfakultät. Der früheste Beleg für die Verwendung des Siegels der Artistenfakultät sich findet sich mit einem Abdruck aus dem Jahre 1456 findet. Dieses war vermutlich das am häufigsten gebrauchte Siegel. Es wurde wie an den anderen Fakultäten für Zeugnisse und akademische Graduierungen verwandt, die bei der Artistenfakultät eine enorme Zahl ausmachten. Das Siegel war erheblichen Wandlungen unterworfen. Im Laufe der Zeit erfolgten immer wieder notwendige Neuanfertigungen des Typars.

Durch einen glücklichen Zufall sind der erste und zweite Siegeltypar noch heute im Universitätsarchiv Leipzig vorhanden. Beide Typare sind deutlich gekennzeichnet mit den Spuren einer langen Gebrauchszeit. Schriftliche Quellen zur Entstehung des Siegels selbst existieren nicht. Zahlreiche Interpretationen und Deutungen der Symbolik  liegen uns vor.

DECANAT FACULT ARTIU STUDII LIPCICE. Universitätsarchiv Leipzig., Siegel der Artistenfakultät, Dekan, 1456. Digitale Siegelsammlung. Universitätsarchiv Leipzig.

Friedrich Zarnckes Deutung der “septem artes”

Die erste wissenschaftliche Untersuchung zu den Leipziger Universitätssiegeln wurde von Germanisten Friedrich Zarncke (1825 – 1891), als Neben­ergebnis einer Editionsarbeit im Jahre 1857, vorgelegt. Nach seiner Auffassung stellt das Fakultätssiegel in zwei Feldern die septem artes dar, im oberen Feld die disciplina trivialis und im unteren Feld das quadrivium. Deutlich erkennbar, sieht er zwei übereinander angeordnete, getrennte Figurengruppen und meint: »Das obere Feld stellt einen ältlichen Mann dar, der einen ganz kleinen, wie es scheint unbekleideten … Knaben auf dem Schosse hält und unterrichtet … Der Haarwuchs des Knaben ist ebenso gearbeitet wie der des Christuskindes auf dem Rectoratssiegel; der erwähnte Abdruck auf dem theologischen Archive zeigt das noch deutlicher; ihn für eine Krone zu halten ist noch jetzt bei genauerem Betrachten ganz unmöglich und an das Christuskind zu denken ist verkehrt, da dies nothwendig einen Nimbus haben müsste, wie auf dem Rectoratssiegel … Das untere Bild stellt denselben ältlichen Mann vor, hier auf dem Katheder sitzend, das Astrolabium als Repräsentanten des Quadriviums in der Hand, und zwei vor ihm in terra [›auf den Bänken zu ebener Erde‹ im Gegensatze zu dem erhöhten Katheder]  sitzende Studenten unterrichtend, deren einer ein Geistlicher zu sein scheint, beide mit Tintenfässern in der Hand. Die Mütze, welche der Zeichner dem Zuhörer rechts gegeben hat, halte ich für Täuschung; sollte sie richtig sein, so könnte sie vielleicht einen Baccalaureus bezeichnen, da diese ja noch verpflichtet waren, Vorlesungen zu hören.”

Erich Gritzners Deutung mit “Madonna und dem Jesuskind”

Knapp 50 Jahre später widerspricht der Archivar und Siegelforscher Erich Gritzner (1874 – 1963) dieser Deutung Zarnckes. Gritzner glaubt auf dem Siegel die Madonna und das Jesuskind zu sehen. Zugleich verweist er auf die Universitätssiegel von Paris und Wien, in denen sich ähnliche Motive finden. Auf den ersten Blick scheint Gritzner Recht zu haben, im oberen Feld könnte eine Mariendarstellung vorliegen. Bei näherer Betrachtung stellt sich die Frage, wieso die Figurengruppe nicht sorgfältiger ausgeführt und mit den nötigen Attributen versehen wurde.

Auf den vermutlich zeitgleich entstandenen Siegeln [Siegelführer: Rektor, Großes Fürstenkolleg, Frauenkolleg, Polnische Nation] ist dieses Figurenpaar jeweils mit einem Nimbus oder mit einer Krone eindeutig bezeichnet. Sowohl die Kleidung – die erwachsene Person trägt ein Schnürgewand – als auch  die Haartracht des Knaben weichen von den anderen Figurengruppen, die leicht als Maria und Jesuskind zu identifizieren sind, deutlich ab. Fragwürdig ist weiterhin, die damalige inneruniversitäre Hierarchie vorausgesetzt, ob die rangniederste der Leipziger Fakultäten sich unverhohlen und unwidersprochen mit der Siegelkopie einer so bedeutenden Gesamtkorporation hätte schmücken können. Schließlich liefern die Siegeltypare weitere Indizien. Bei einem hochauflösenden digitalen Farbscan des älteren Typars zeigt sich, dass dieser ursprünglich vergoldet war, und in der Vergrößerung wird eine Unterrichtsszene im oberen Feld glaubhafter: Der Mann scheint ein Buch zu halten und den Knaben, dessen auffällig ungeordnete Haartracht ihn wohl als ungebildet kennzeichnen soll, daraus zu unterrichten.

Beide Typare zeigen jedoch in aller Klarheit ein Figurenpaar, das weder durch Krone noch durch Nimbus geschmückt ist. Die noch heutzutage schwierige Frage der Siegeldeutung bot durch die Jahrhunderte Anlass zu mancher Siegeländerung. Schon die Siegeldarstellungen der Universitätsfestschriften von 1709 und 1809 enthalten einige Verfälschungen. Um 1709 findet sich im oberen Feld ein Mann mit Perücke und Professorenmantel. Im unteren Feld erkannte man im Astrolabium nunmehr einen Bischofsstab, und der Zeichner setzte der Figur folgerichtig eine Bischofsmütze auf. Ihr gegenüber platzierte man einen Juristen und in der Mitte den  biblischen König Salomo als Repräsentanten der Weisheit.

Gut einhundert Jahre später, bei dem Siegelab­druck zur Jubiläumsschrift von 1809, glaubte man im oberen Feld die Heilige Jungfrau Maria mit dem Jesuskind zu erkennen und versah gleich beide nachträglich mit den nötigen Attributen. Im unteren Feld saßen auf gleicher Höhe mit einem Professor der Artistenfakultät [brauner Mantel und Doktorhut als Zeichen der Fakultät] nun auf der linken Seite ein geistlicher Würdenträger mit einer Mitra und in der Mitte, im purpurnen Königsgewand mit Zepter und Krone, wahrscheinlich König Salomo. In der Fakultät erregte diese Darstellung keinen Protest – im Gegenteil schmeichelte sie wohl eher dem Zeitgeist. Dagegen sind in den Siegeln der anderen Fakultäten vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart im wesentlichen Form und Inhalt unverfälscht erhalten geblieben.

Literatur

Die Leipziger Universitätssiegel. Von Jens Blecher. Herausgegeben mit freundlicher Unterstützung der Vereinigung von Förderern und Freunden der Universität Leipzig e.V.

Die urkundlichen Quellen zur Geschichte der Universität Leipzig in den ersten 150 Jahren ihres Bestehens, von Friedrich Zarncke, Leipzig 1857.

 

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Universitätsarchiv Leipzig. und Universitätsarchiv Leipzig. Tradition und Moderne. Seit 1409. | Universitätsarchiv Leipzig