25 Jahre Arbeitslager | Die Verhaftung des Studentenratsvorsitzenden Wolfgang Natonek an der Universität Leipzig im November 1948

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Wer durch das Hörsaalgebäude der Universität Leipzig geht, sieht das Gemälde von Reinhard Minkewitz’ “Aufrecht stehen”. Wer ist dargestellt? Links sind vier exemplarisch dargestellte studentische Widerständler gegen das SED Regime zu sehen, Herbert Belter, Werner Ihmels, der Studentenpfarrer Georg-Siegfried Schmutzler und schließlich Wolfgang Natonek. Erinnerungsfunktion an den politsch motivierten Frevelakt der Sprengung der alten Universitätsgebäude 1968 übernehmen die im Hintergrund dargestellten Gebäude des Alten Augusteums und der Universitätskirche St. Pauli.

Aufrecht stehen...

 

 

Wolfgang Natonek, vierter von links,  war der letzte frei gewählte Studentenratsvorsitzende der DDR. Er zählt zu den bekanntesten Studenten der Leipziger Nachkriegsgeneration. Sein politisch couragiertes Auftreten war nicht nur für Leipzig bestimmend, es erzeugte über Sachsen und die Grenzen der Sowjetischen Besatzungszone hinaus Wirkungen.

 

Wolfgang Natonek.

 

Bereits von früh an wurde er zur kritischen Distanz gegenüber den nationalsozialistischen Machthabern erzogen. Sein Vater Hans Natonek (1892-1963) war in Leipzig ein bekannter Schriftsteller und Journalist, der für die Neue Leipziger Zeitung schrieb. Am 3. Oktober 1919 in Leipzig geboren, legte er 1938 das Abitur an der Petri-Schule ab und begann zunächst für zwei Semester Veterinärmedizin zu studieren, bis er zur Wehrmacht eingezogen wurde.

Der Zusammenbruch des NS-Regimes 1945 eröffnet ihm wieder eine Perspektive. Politisch beginnt er sich in der Liberal-Demokratischen Partei (LDP) zu engagieren und schreibt sich nach der Neueröffnung der Universität Leipzig im Februar 1946 für ein Germanistikstudium ein. Seinen politischen Überzeugungen folgend, tritt er als Kandidat für die Studentenratswahlen im Februar 1946 an. Nach einigen vergeblichen Versuchen seiner politischen Gegner, eine Relegierung Natoneks zu erlangen, wurde er schließlich durch die sowjetische Besatzungsmacht in der Nacht vom 11. zum 12. November 1948 verhaftet. Doch mit der Verhaftung allein war es nicht getan, selbst dem NKWD [Volkskommissariat für Inneres], sonst nicht sehr wählerisch in seinen Anklagekonstrukten, fiel es schwer, Natonek ein strafwürdiges Verhalten nachzuweisen. Dennoch wurde Natonek zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt. Einen Teil der Strafe verbüßte er in Torgau und Bautzen, nach seiner Entlassung im Jahre 1956 begab er sich kurz nach Leipzig und siedelte dann in die Bundesrepublik Deutschland über. Im Umfeld Natoneks, und insbesondere unter den bürgerlichen Vertretern des Studentenrates, kam es gleichzeitig zu weiteren Verhaftungen. Wolfgang Natonek konnte sein Studium in der Bundesrepublik Deutschland, in Göttingen, fortsetzen und war danach als Gymnasiallehrer tätig. 1992 kehrte er das erste Mal nach Leipzig zurück, um an der öffentlichen Immatrikulationsfeier der Universität teilzunehmen. Auf Vorschlag der Universität Leipzig erhält er im gleichen Jahr für seine Verdienste eine Titularprofessur durch den Sächsischen Staatsminister für Wissenschaft und Kunst. Hoch betagt stirbt Wolfgang Natonek im Jahre 1994 in Göttingen.

Seit 1996 wird an der Universität Leipzig der Wolfgang-Natonek-Preis an Studenten mit herausragenden Studienleistungen und besonderem Engagement für die Interessen der Universität verliehen.


Literaturtipps

Wolfgang Natonek – Freiheit und Verantwortung

Jens Blecher, Dieter Schulz  (Hg.), Leipziger Universitätsverlag.

In der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war der Leipziger Studentenrat eines der wenigen Gremien in der Sowjetischen Besatzungszone, in denen die Kommunisten keine Vormachtstellung innehatten. Aus der Wahl zum Studentenrats-Vorsitzenden 1947 ging der Vorsitzende der Studentengruppe der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands Wolfgang Natonek als Sieger hervor. Dadurch und weil er und seine Freunde die Universität Leipzig gegen den politischen Zugriff der SED verteidigten, brachte Natonek die Machthaber gegen sich auf. Im November 1948 wurde er verhaftet und von einem sowjetischen Militärtribunal zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Er verbüßte davon vor seiner Entlassung und Übersiedlung in die Bundesrepublik acht Jahre in Bautzen und in einem Speziallager in Torgau.


 


 

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Zum Studentischen Widerstand und politische Opposition

Die Verhaftung des Studentenratsvorsitzenden an der Universität Leipzig im November 1948

Studentischer Widerstand an der Universität Leipzig 1945 – 1955


Eine Ausstellung zum “Studentischen Widerstandes an der Universität Leipzig 1945 – 1955″ des Universitätsarchivs Leipzig ist ausleihbar.  Haben Sie Interesse oder Fragen? Schreiben Sie uns.

Universitätsarchiv Leipzig 2016.

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Bild mit freundlicher Genehmigung von Universitätsarchiv Leipzig. Tradition und Moderne. Seit 1409. | Universitätsarchiv Leipzig