Wie “O Tannenbaum, o Tannenbaum” zum Weihnachtslied wurde

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Geschmückter Tannenbaum im Universitätsarchiv Leipzig

Im Universitätsarchiv Leipzig.

“O Tannenbaum, o Tannenbaum, du kannst mir sehr gefallen!”, im Eingangsbereich des Universitätsarchivs Leipzig haben fleißige Hände einen Tannenbaum festlich geschmückt. Archivbenutzer und Besucher fragen oft, ob etwa echte Geschenke unterm Baume liegen. Nein, sie gehören zur Dekoration dazu.

Im Jahre 1819 dichtete der Prediger und Pädagoge August Zarnack (1777–1827), der in Halle an der Saale Theologie studiert hatte, “O Tannenbaum”. Es besang die Schmach eines enttäuschten Liebhabers. Als Vorlage diente ein schlesisches Volkslied. Nur fünf Jahre später besang der Leipziger Lehrer und Organist Ernst Anschütz (1780 – 1861) den Tannenbaum und es entstand das heute in aller Welt bekannte Weihnachtslied.

Ernst Anschütz hatte in Leipzig Theologie studiert und 1802 in Philosophie promoviert. Um Geld zu verdienen, arbeitete er ab 1799 an der Wendlerschen Freischule in Leipzig, ab 1806 an der damaligen Bürgerschule auf der Moritzbastei. Anschütz spielte und unterrichtete – um der Armut zu entgehen und seine Familie durchzubringen – Klavier, Orgel, Violine, Cello und Klarinette. Ernst Anschütz sammelte und arbeitete viele bekannte Volks- und Kinderlieder um und veröffentlichte Schulgesangsbücher.

Der Tannenbaum wird ausgesucht und gekauft

 

So richtig bekannt wurde “O Tannenbaum” in der Umarbeitung von Ernst Anschütz. Er behielt die erste Strophe des ursprünglich schlesischen Volksliedes bei. Die restlichen drei ersetzte Anschütz durch zwei andere, die dem Tannenbaum huldigen. In der zweiten Zeile des Liebesliedes hieß es ursprünglich „Wie treu sind deine Blätter“, im 20. Jahrhundert wurde daraus das heute bekannte „Wie grün sind deine Blätter“.

O Tannenbaum, O Tannenbaum

Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie treu sind deine Blätter.
Du grünst nicht nur zur Sommerzeit,
nein auch im Winter, wenn es schneit:
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie treu sind deine Blätter!

O Tannenbaum, o Tannenbaum,
du kannst mir sehr gefallen!
Wie oft hat nicht zur Weihnachtszeit,
ein Baum von dir mich hoch erfreut!
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
du kannst mir sehr gefallen!

O Tannenbaum, o Tannenbaum,
dein Kleid will mich was lehren!
Die Hoffnung und Beständigkeit,
gibt Trost und Kraft zu jederzeit!
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
dein Kleid will mich was lehren!

Ernst Anschütz

Draußen im Walde stand ein hübscher Tannenbaum... Weihnacht. Lieder, Gedichte, Briefe und Erzählungen aus alter Zeit.

 

Das Lied “O Tannenbaum” läßt sich gut umdichten.  Seit dem 16. Jahrhundert diente als Melodie eine einfache und bekannte Volksweise, die als Studenten- und Gesellenlied im Volk gesungen wurde. Nach der Abdankung von Kaiser Wilhelm II. zur Märzrevolution 1918 kursierte die Persiflage:

O Tannenbaum ! O Tannenbaum!

Der Kaiser hat in Sack gehaun

O Tannenbaum ! O Tannenbaum!
Der Kaiser hat in Sack gehaun
Da kauft er sich ´nen Henkelmann
und fängt bei Krupp als Dreher an
O Tannenbaum ! O Tannenbaum!
Der Kaiser hat in Sack gehaun

O Tannenbaum ! O Tannenbaum!
Der Wilhelm hat in Sack gehaun
Auguste muß Kartoffeln stehl´n
der Kronprinz muß Granaten drehn
O Tannenbaum ! O Tannenbaum!
Der Wilhelm hat in Sack gehaun.

 

Ob es nun das heutige “O Tannenbaum, o Tannenbaum, die Oma fährt vor’n Gartenzaun” oder die zur Zeit der Prügelstrafe in den Schulen angesagte Version des „O Tannenbaum … der Lehrer hat mich blau gehaun, o Tannenbaum … dafür schiff’ ich ihm an den Zaun” ist, das Lied eignet sich in jeder Zeit hervorragend zur Umdichtung.

 

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