Friedrich Nietzsches Abgangsvermerk von der Universität Leipzig

Vermerk über Friedrich Nietzsches Abgang von der Leipziger Universität. Universitätsarchiv Leipzig UAL_Phil-Fak-B-128b_Bl-254-1.
Vermerk über Friedrich Nietzsches Abgang von der Leipziger Universität. Universitätsarchiv Leipzig UAL_Phil-Fak-B-128b_Bl-254-1.

 

Friedrich Nietzsche (1844 – 1900), Philosoph, Kritiker, Denker, absolvierte seine Doktorprüfung “in absentia”. Nietzsche war mit seiner Lage in Bonn unzufrieden. Daher nahm er den Wechsel des Philologieprofessors Friedrich Ritschl nach Leipzig (in Folge des Bonner Philologenstreits) zum Anlass, zusammen mit seinem Freund Gersdorff ebenfalls nach Leipzig zu ziehen. In den folgenden Jahren sollte Nietzsche zu Ritschls philologischem Musterschüler werden, obwohl er in Bonn noch dessen Konkurrenten Otto Jahn zugeneigt war. Ritschl war für Nietzsche zeitweise Nietzsche als Student.

eine Vaterfigur, ehe später Richard Wagner diese Stelle einnahm. Im Oktober 1865, kurz bevor Nietzsche das Studium in Leipzig aufnahm, verbrachte er zwei Wochen in Berlin bei der Familie seines Studienfreundes Hermann Mushacke. Dessen Vater hatte in den 1840er Jahren zu einem Debattierzirkel um Bruno Bauer und Max Stirner gehört. Die Leipziger Studienjahre Nietzsches sind durch einen ganzen Kreis von Lehrern, Freunden, Bewunderern geprägt, wie auch dem engen familiären Band, das ihn mit Mutter und Schwester verband.

Auf der anderen Seite stehen die von Nietzsche umschwärmte Musik und das Theater, aber noch mehr die Person von Musikern wie Richard Wagner und Philosophen wie Arthur Schopenhauer. Mit den gleichgesinnten Freunden seiner Leipziger Zeit, darunter Erwin Rhode und Ernst Windisch, erwirbt sich Nietzsche treue Gefährten, die ihm auch später immer wieder Halt und Anregung geben. In einer neuen Lebensdekade, die, wie er glaubt, von Sieben-Jahres-Abschnitten geprägt wird.

 

Friedrich Nietzsche mit 17 Jahren. Postkarte.
Friedrich Nietzsche mit 17 Jahren. Postkarte.

Seine Studien indessen betreibt er nicht übermäßig fleißig, die Beschäftigung mit der Philosophie Schopenhauers, die Musik, aber auch die gemeinsame Arbeit mit den Kommilitonen im Philologischen Verein bestimmen seinen Tagesablauf. Zur gleichen Zeit entstehen erste Arbeiten, die ihm durch Selbstständigkeit und sprachliche Klarheit die enthusiastische Förderung durch seinen Lehrer Ritschl eintragen[pullquote align=”left” cite=”” link=”” color=”” class=”” size=””]„Es war am 17.Oktober 1865 als ich mit meinem Freund Mushacke in Leipzig auf dem Berliner Bahnhofe anlangte… Am anderen Tage meldete ich mich auf dem Universitätsgericht, es war gerade ein Tag … an dem vor hundert Jahren Goethe sich das Album eingezeichnet hatte.“[/pullquote]„Es war am 17.Oktober 1865 als ich mit meinem Freund Mushacke in Leipzig auf dem Berliner Bahnhofe anlangte… Am anderen Tage meldete ich mich auf dem Universitätsgericht, es war gerade ein Tag … an dem vor hundert Jahren Goethe sich das Album eingezeichnet hatte.“

[Der junge Nietzsche, Herausgegeben von Elisabeth Förster. Nietzsche, Leipzig 1912, S. 171/2] „Wir verlebten das erste halbe Jahr ohne Präsidenten und machen immer am Beginn eines Vereinsabends einen von uns zum Vorsitzenden.


„Es war am 18. Januar 1866, als ich meinen ersten Vortrag hielt… nachdem ich die erste Schüchternheit überwunden hatte, kräftig und mit Nachdruck mich ausgegeben und hatte auch den Erfolg, daß meine Freunde den größten Respekt vor dem Gehörten äußerten.“

Was gab es da für aufregende zügellose Debatten!

„Es war am 18. Januar 1866, als ich meinen ersten Vortrag hielt… nachdem ich die erste Schüchternheit überwunden hatte, kräftig und mit Nachdruck mich ausgegeben und hatte auch den Erfolg, daß meine Freunde den größten Respekt vor dem Gehörten äußerten.“ [Der junge Nietzsche, Herausgegeben von Elisabeth Förster. Nietzsche, Leipzig 1912, S. 176/7]


„Hier will ich gleich eine Bemerkung über meinen Kollegienbesuch machen. Da spricht denn vor allem die Tatsache, daß ich kein einziges vollständiges Kollegienheft besitze, sondern nur traurige Bruchstücke… Im Grunde nämlich zog mich bei den meisten Kollegien der Stoff durchaus nicht an… Die Methode war´s, für die ich lebhafte Teilnahme hatte…“ [Der junge Nietzsche, Herausgegeben von Elisabeth Förster. Nietzsche, Leipzig 1912, S. 173/4][/pullquote]

Für Nietzsche war etwas anderes als eine akademische Tätigkeit kaum vorstellbar. Die notwendigen Graduierungen wie Promotion und Habilitation schienen ihm eher notwendiges Übel, als ernsthaftes Hindernis zu sein. Dieser Auffassung ist auch sein inzwischen zum kollegialen Freund gewordener Lehrer Ritschl. Als sich für Nietzsche eine Chance auf einen Lehrstuhl in Basel ergibt, unterstützt er ihn nach Kräften. In aller Eile und in seltener Einmütigkeit der Ordinarien, wird Friedrich Nietzsche im März 1869 von der Philosophischen Fakultät „in absentia“, ohne eigens eingereichte Dissertation und ohne Prüfung zum Dr. phil. promoviert. Weitaus mehr beeindruckten ihn dagegen die erste, für ihn aber schicksalsgleiche Begegnung mit Richard Wagner im November 1868 und seine Berufung nach Basel.

„Hier ist nun zu erwähnen, daß ich beabsichtige, bis Ostern mich aller Habilitationsschereien zu entledigen und zugleich bei dieser Gelegenheit zu promovieren. Dies ist erlaubt: einen speziellen Dispens brauche ich nur, insofern ich noch nicht das übliche Quinquennium (5 Jahre) hinter mir habe.“ [Der junge Nietzsche, Herausgegeben von Elisabeth Förster-Nietzsche, Leipzig 1912, S. 215]

Lieber Freund [Erwin Rohde], ich halte meinen Finger an meinen Mund und gebe Dir einen recht kräftigen Händedruck. Wir sind doch recht die Narren des Schicksals: noch vorige Woche wollte ich Dir einmal schreiben und vorschlagen, gemeinsam Chemie zu studieren und die Philologie dorthin zu werfen, wohin sie gehört, zum Urväterhausrath. Jetzt lockt der Teufel <<Schicksal>> mit einer philologischen Professur.“ [Friedrich Nietzsche, Sämtliche Briefe, Kritische Studienausgabe von Colli/Montinari, München 1986, Band 2, S. 259/360, Brief von Nietzsche an Erwin Rhode vom 16.1.1969]


 Friedrich Wilhelm Nietzsche (15. Oktober 1844 in Röcken –  25. August 1900 in Weimar)

Studium und Berufung in Leipzig

    • *15. Oktober 1844 in Röcken, Sohn eines lutherischen Pfarrers
    • 1858 bis 1864 Schulbesuch an der Landesschule in Pforta bei Naumburg
    • 1864 Studium der Theologie und der alten Sprachen in Bonn
    • Oktober 1865: Nietzsche folgt seinem Lehrer Friedrich Ritschl nach Leipzig, gleichfalls zogen von Bonn nach Leipzig u.a. die Studenten Erwin Rhode (1845 – 1898), Herrmann Mushacke (1845 – 1906) und Otto Kohl (1844 – 1924)
    • Oktober 1865 Immatrikulation in Leipzig für Philologie
    • Oktober 1865 Antrittsvorlesung von Friedrich Ritschl „Über Wert und Nutzen der Philologie“
    • Wintersemester 1865/66 intensive Beschäftigung mit Schopenhauer Mitarbeit im Riedelschen Gesangsverein und häufige Konzertbesuche, eigene Kompositionen
    • Dezember 1865 Gründungsversammlung des Klassisch-Philologischen Vereins Erste Veröffentlichung zur griechischen Philosophie
    • Oktober 1867 Preisverleihung an Nietzsche für seine philologische Untersuchung „De fontibus Diogenis Laertii“
    • September 1867 Aushändigung des Sittenzeugnisses und Exmatrikulation
    • Militärzeit 1867 – 1868
    • Oktober 1868 Nietzsche kehrt als Privatgelehrter nach Leipzig zurück Promotion zum Dr. phil. am 23. März 1869: „ohne Prüfung zuerkannt“
    • Ende März 1869 verlässt Nietzsche endgültig Leipzig
    • 1869 bis 1879 Professur für klassische Philologie in Basel 10 Jahre freischaffende, rastlose Tätigkeit als Pilosoph
    • 1889 geistiger Zusammenbruch in Turin
    • † 25. August 1900 in Weimar

 

 

 

 

 

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