Zulassung zum Frauenstudium im Sommersemester 1906

Anfang des 20. Jahrhunderts öffnete sich das Wilhelminische Kaiserreich dem Thema „Frauenstudium“. Nahezu eintausend Semester mussten seit der Gründung der Alma mater Lipsiensis vergehen, ehe Frauen im Sommer-
semester 1906 die reguläre Zulassung zum Studium erhielten und damit die Möglichkeit, einen akademischen Berufsabschluss zu erwerben. 27 Frauen nutzten diese Chance und schrieben sich in zwei der vier Fakultäten, der philosophischen und der medizinischen, ein.

Dies geschah zu einem Zeitpunkt, da in vielen europäischen Ländern, darunter Russland 1860, Frankreich 1863, Schweiz 1864, England 1870, Niederlande 1875, Italien 1876, Österreich 1897, Frauen nicht nur bereits studiert, sondern auch promoviert haben. Als 1906 in Sachsen Frauen zum Studium zugelassen wurden, hatte Marie Curie bereits ihre ordentliche Professur an der Pariser Sorbonne-Universität inne.

Worin bestanden nun die Bedingungen und Besonderheiten der Etablierung des Frauenstudiums in Leipzig?

Das Höhere Mädchenschulwesen war in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Sammelsurium aus unterschiedlichen Bildungsangeboten ohne festen Lehrplan. Es sah eine Schulbildung und Berufsausbildung über die Konfirmation hinaus in der Regel nicht vor. Für die Mädchen der Höheren Stände schlossen sich häufig noch zwei Jahre Privatunterricht an, der auf Konversations-, Klavier-, Gesangs- und Malunterricht ausgerichtet war. Die bildungsmäßigen Voraussetzungen für ein universitäres Studium waren damit nicht gegeben.

Vor 140 Jahren wurde im Oktober 1865 in Leipzig der Allgemeine Deutsche Frauenverein (ADF) gegründet. Es war dies der organisatorische Beginn der bürgerlichen Frauenbewegung in Deutschland. Die Auftaktveranstaltung, zu der 300 Frauen aus allen deutschen Ländern nach Leipzig kamen, fand in der Deutschen Buchhändlerbörse, Ritterstr. 12 – heute: Gästehaus der Universität – statt. Ziel des ADF war es, zur Verbesserung der Bildungs- und Berufsausbildungsmöglichkeiten für Frauen beizutragen und den Zugang zu den Universitäten zu eröffnen. Ab 1869 wurden dazu zahlreiche Petitionen an die Regierungen der deutschen Länder gerichtet. 1879 wurde vom ADF eigens ein Stipendienfonds für Universitätsstudien der Frauen ins Leben gerufen.

An der Leipziger Universität waren Frauen seit 1870/71 bereits als Gasthörerinnen zugelassen, ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur vollen Immatrikulation. Gasthörerinnen war es allerdings untersagt, Prüfungen abzulegen. Neben der Universität Heidelberg, die die Gasthörerschaft für Frauen schon ab 1869 ermöglichte, nahm die Universität Leipzig eine Pionierrolle unter den deutschen Universitäten ein.

1894 gründete der ADF „Realgymnasialkurse für Mädchen“ in Leipzig. Nach Karlsruhe (1893) und Berlin (1893) war dies deutschlandweit die dritte Möglichkeit für Frauen, das Abitur abzulegen, eine elementare Voraussetzung für die Zulassung zum Universitätsstudium. Um 1900 gab es die ersten Abiturientinnen, und damit erhöhte sich der Druck auf die Regierungen, Frauen nunmehr den Zugang zu den Universitäten nicht länger zu verweigern. 1900 folgte schließlich auch der ministerielle Erlass, wonach Promotionen für Frauen nun regulär möglich wurden. Eine repräsentative Umfrage zum Frauenstudium aus dem Jahre 1897 unter 122 deutschen Universitätsprofessoren ergab, dass ca. die Hälfte der Befragten keinerlei stichhaltige Gründe für den Ausschluss der Frauen vom Studium sahen. Befürworter, Förderer und Gegner hielten sich die Waage. Für das Studium der Frauen im Einzelfall und bei einer den Männern gleichen Vorbildung sprachen sich beispielsweise die Leipziger Professoren der Medizin Wilhelm His (Anatomie), Victor Birch-Hirschfeld (Pathologie) und der Chemie Friedrich Strohmann, Friedrich Trendelenburg, der Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald und der Professor der experimentellen Psychlogie Wilhelm Wundt aus. Wilhelm Wundt (1832 – 1920) formulierte: „Ich meine: die Frau, die nach bestimmten Richtungen hin die gleichen Fähigkeiten hat wie der Mann, ist genau ebenso wie dieser an und für sich berechtigt, diese Fähigkeiten auszubilden und anzuwenden. Das so oft gehörte Argument: es seien schon in allen Gebieten die Angebote männlicher Bewerber zahlreich genug, es bestehe daher kein Bedürfnis auch nach weiblicher Konkurrenz und dergleichen, – dieses Argument erscheint mir lediglich als der Ausdruck eines brutalen Geschlechtsegoismus, der nicht besser ist als irgend ein Klassenegoismus, der Vorrechte für sich in Anspruch nimmt.“

Zahlreiche der ersten 27 Studentinnen, die sich im April 1906 an der Leipziger Universität immatrikulierten, waren, wie sich anhand der Matrikel nachweisen lässt, Absolventinnen der Realgymnasialkurse des ADF. Geleitet wurden diese Kurse von Dr. Käthe Windscheid, Tochter des renommierten Leipziger Professors der Rechtswissenschaften Bernhard Windscheid, der die erste Kommission zur Erarbeitung des BGB im Jahre 1874 leitete und damit federführend an dessen Abfassung beteiligt war. Anfangs unterrichtete sie die ersten 10 Schülerinnen im Studierzimmer ihres Vaters (Parkstr. 1, heute: Richard-Wagner-Str.).

Diese ersten Studentinnen entstammten bildungsbürgerlichen Schichten, dem Besitzbürgertum und dem Adel. Ihre Väter waren Kaufleute, Professoren, Lehrer, Fabrik- und Rittergutsbesitzer, Pastoren und Rechtsanwälte. Die Studentinnengeneration von 1906 zeichnet sich durch das hohe Immatrikulationsalter von durchschnittlich 26,2 Jahren aus und lag damit deutlich über dem der gesamten Matrikel. Die Ursachen dafür gründen in der späten Chance für das Frauenstudium in Deutschland, viele von ihnen hatten sich jahrelang mit der Gasthörerschaft begnügen müssen, und im längeren Bildungsweg der Frauen. Von den beruflichen Abschlüssen, die sie anstrebten, waren es vor allem zwei: Einerseits drängten an die philosophische Fakultät Frauen, die sich für das wissenschaftliche Lehramt qualifizieren wollten. Lehrerinnen, die in Volksschulen tätig waren, gab es bereits, das höher angesehene öffentliche Schulwesen blieb den Frauen aber bislang verwehrt. Andererseits stieg angesichts des ethisch-moralischen Grundkonsenses der bürgerlichen Gesellschaft die Nachfrage nach weiblichen Ärzten insbesondere für Frauenheilkunde, die nicht länger ignoriert werden konnte. Denn als Hebammen waren Frauen längst etabliert. Beide Berufsfelder, das der Lehrerin und das der Ärztin, ließen sich auch am ehesten mit den traditionellen Rollenzuschreibungen von Frauen in der Gesellschaft vereinbaren. Die erzieherischen Fähigkeiten der Frauen in der Familie und deren Engagement zu wohltätigen Zwecken waren anerkannt und unbestritten. Es lag nahe, dann auch der Professionalisierung derselben aufgeschlossen gegenüber zu stehen. Die Konzentration der Frauen auf die philosophische und die medizinische Fakultät korrespondiert mit der an den anderen deutschen Universitäten und war keineswegs zufällig.

Mit einer zeitlichen Verzögerung von zwei Jahren finden wir 1908 die erste Studentin an der juristischen Fakultät, und es dauerte weitere zwei Jahre, bis 1910 die erste Studentin an der theologischen Fakultät anzutreffen ist. Es sind dies Professionen, die mit sehr viel Einfluss und Prestige verbunden sind.

Von daher hielten sich hier die Vorurteile am hartnäckigsten. Darüber hinaus machten die herrschenden Weiblichkeitsbilder und die bestehenden gesetzlichen Regelungen den Berufseinstieg für Frauen in diese Professionen außerordentlich schwierig bzw. gar unmöglich. In den Folgejahren bis zum 1. Weltkrieg entwickelte sich das Frauenstudium mit nur langsam steigender Tendenz. 1914/15 waren insgesamt 200 Studentinnen an der Leipziger Universität immatrikuliert, das entsprach einem Anteil von 4,85 Prozent.

Von Astrid Franzke.

Jubiläen 2006.

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