Walter Schlesinger

Walter Schlesinger. Universitätsarchiv Leipzig.Universitätsarchiv Leipzig.
Walter Schlesinger. Universitätsarchiv Leipzig.

[pullquote align=“full“ cite=““ link=““ color=““ class=““ size=““]Er gehört zu den bedeutendsten deutschen Mittelalter- und Landeshistorikern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.[/pullquote]

Als Student, Forscher und Professor für Landesgeschichte hat Walter Schlesinger (1908-1984) an der Universität Leipzig bei seinem Lehrer Rudolf Kötzschke bedeutende Grundlagen für seine spätere Laufbahn erhalten, bevor er nach 1945 in Berlin, Frankfurt am Main und Marburg Landesgeschichte und Mittelalterforschung prägte. Er gehört zu den bedeutendsten deutschen Mittelalter- und Landeshistorikern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Am 28. April 1908 in Glauchau geboren, nahm er 1927 das Studium der Fächer Geschichte und Germanistik in Tübingen auf, wo ihn vor allem die Vorlesungen des Historikers Johannes Haller (1865-1947) begeisterten. Gleichwohl wechselte er dann an die Universität Leipzig und fand in dem Landeshistoriker Rudolf Kötzschke (1867-1949) seinen prägenden akademischen Lehrer. Anders als Haller, der vor allem an der politischen Geschichte interessiert war, beschäftigte sich Kötzschke mit den Strukturen und langfristigen Faktoren der Geschichte. Kötzschke konzipierte in Leipzig eine moderne Landesgeschichtsforschung und schuf mit der Gründung des Seminars für Landesgeschichte und Siedlungskunde an der Universität Leipzig 1906 für Lehre und Forschung einen institutionellen Rahmen (siehe Jubiläen 2006). Schlesinger wandte sich mit seiner Dissertation „Die Schönburgischen Lande bis zum Ausgang des Mittelalters” (1935) der unmittelbaren Heimat zu und ergänzte diese Untersuchung 1954 mit einer weiteren Monographie über „Die Landesherrschaft der Herren von Schönburg”. In den dazwischen liegenden zwei Jahrzehnten sind weitere orts- und regionalgeschichtliche Untersuchungen unteranderem über Glauchau erschienen. Der Eindruck, Schlesinger wäre ganz in heimatgeschichtlichen Themen aufgegangen, täuscht aber, denn er erweiterte aufgrund der sicheren Kenntnis zunächst der mitteldeutschen Quellen ständig seinen Horizont und legte schließlich 1940 in Leipzig seine Habilitationsschrift „Die Entstehung der Landesherrschaft. Untersuchungen vorwiegend nach mitteldeutschen Quellen” (erschienen 1941, zuletzt 6. Auflage, 1983) vor.

Mittlerweile hatten die Zeitverhältnisse tiefgreifend in Schlesingers Leben eingegriffen. Er war bereits 1929 Mitglied der NSDAP geworden, eine Entscheidung, die er schon bald nach der Machtergreifung 1933 als falsch erkannte, aber nicht rückgängig machte. Als nach der Emeritierung Rudolf Kötzschkes der Blut-und-Boden-Historiker Adolf Helbok (1883-1968) das Seminar für Landesgeschichte und Siedlungskunde und das Institut für Heimatforschung übernahm, wechselte Schlesinger in das Historische Seminar über, wurde Assistent des Mediävisten Hermann Heimpel (1901-1988) und habilitierte sich, kurz bevor er Ende 1940 zum Militärdienst eingezogen wurde. Kritische Äußerungen in einem Feldpostbrief, der von der Zensur geöffnet wurde, brachten ihm die Strafversetzung zu einer Wehrmachtseinheit in Bosnien ein, wo er 1943 schwer verwundet wurde.

Schlesinger war zwar bereits zum 1. November 1942 auf die Professur für deutsche Landes- und Volksgeschichte, die frühere landesgeschichtliche Professur seines Lehrers Kötzschke, berufen und auch zum Direktor des damit verbundenen  Seminars und des Instituts für Heimatforschung ernannt worden, doch konnte er seine Lehrtätigkeit in Leipzig erst nach einem langen Lazarettaufenthalt im Sommersemester 1944 aufnehmen. Unter den Bedingungen des Totalen Krieges und nach dem verheerenden Bombenangriff auf Leipzig im Dezember 1943, der auch das landesgeschichtliche Seminar ausgelöscht hatte, war an eine geregelte Lehr- und Forschungstätigkeit kaum noch zu denken. Obwohl sich Schlesinger weder privat noch wissenschaftlich als NS-Aktivist betätigt hatte, führte seine Parteimitgliedschaft im November 1945 zur Entlassung aus dem Hochschuldienst. Als der Leipziger Rektor Hans Georg Gadamer 1946 das Entnazifizierungsverfahren einleitete, um Schlesingers Wiedereinstellung zu erreichen, bemerkte er über ihn: „Dass er in sehr jungen Jahren Mitglied der NSDAP geworden ist, hat ihn nicht gehindert, von 1933 an in so offener Ablehnung der nationalsozialistischen Maßnahmen sich zu ergehen, dass er wiederholt Warnungen von wohlmeinenden Kollegen hinnehmen musste. Dass er selbst Mitglied der Partei war, war allgemein unbekannt”. Aber nicht nur dieses Entnazifizierungsverfahren verlief damals im Sande. Schlesinger zog sich nach Glauchau zurück, wo seine Frau als Apothekerin für den Lebensunterhalt der Familie sorgte, während er selbst sich als Privatgelehrter mit wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigte. In diesen Jahren entstand als Auftragsarbeit des Landeskirchenamtes die „Kirchengeschichte Sachsens im Mittelalter” (zwei Bände, erschienen 1962), die bis heute ganz wesentlich Schlesingers bleibenden Rang als Erforscher der sächsischen Landes- und Kirchengeschichte verdeutlicht. Auch das Buch über „Die Anfänge der Stadt Chemnitz und anderer mitteldeutscher Städte” (1952) war eine Frucht dieser Jahre. Da sich weder in Leipzig noch an einer anderen Universität der SBZ für Schlesinger eine berufliche Perspektive abzeichnete, entschloss er sich im November 1951 schweren Herzens, die sächsische Heimat zu verlassen, um nach Westdeutschland überzusiedeln, nachdem andere Kötzschke-Schüler wie Herbert Helbig und Karlheinz Quirin schon vor ihm diesen Weg gegangen waren.

Walter Schlesinger ließ sich in Marburg an der Lahn nieder, wo er zunächst in der „Forschungsstelle für Städtegeschichte” tätig wurde. Die Beschäftigung mit dem mitteldeutschen Städtewesen hatte ihn zu weiterführenden Untersuchungen über die Frühzeit der mittelalterlichen Stadt veranlasst. Zeitlebens sollte dies eines seiner wichtigsten Arbeitsgebiete bleiben, das sich in das große Arbeitsfeld von Schlesinger einordnet, die mittelalterliche Verfassungsgeschichte. Schlesingers Begriff von Verfassungsgeschichte zielte in seinen eigenen Worten auf die Verfassung, „in der die Menschen sind, nicht die sie haben”, und er betonte mehrfach, dass den Weg zu einem so umfassenden Begriff von Verfassungsgeschichte auf landesgeschichtlicher Grundlage sein Leipziger Lehrer Rudolf Kötzschke gebahnt hatte. Eine entsprechend ausgerichtete, landesgeschichtlich fundierte Verfassungsgeschichte bot seit den 1960er Jahren vielfältige Anknüpfungspunkte für neue Forschungsrichtungen, die sich als Sozial- oder Strukturgeschichte verstanden.

Nach den zunächst nicht einfachen Anfängen in Marburg an der Lahn absolvierte Schlesinger eine schnelle akademische Karriere. 1954 wurde er auf einen Lehrstuhl für mittlere und neuere Geschichte (Verfassungsgeschichte) an der Freien Universität Berlin berufen, 1959 folgte er einem Ruf auf den Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte und historische Hilfswissenschaften an der Universität Frankfurt am Main, und 1964 erhielt er schließlich einen Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte in Marburg an der Lahn, den er bis zu seiner Emeritierung 1973 innehatte. Da gleichzeitig der Mediävist Helmut Beumann (1912-1995) nach Marburg berufen wurde, ergab sich eine fruchtbare Zusammenarbeit, beispielsweise in dem 1972 begonnenen DFG-Schwerpunktprogramm zur Entstehung der europäischen Nationen im Mittelalter.

Das „Nationes”-Projekt führte Schlesinger nach seiner Emeritierung (1973) weiter, die er zum frühestmöglichen Zeitpunkt anstrebte, weil die westdeutsche Studentenrevolte, die seit 1969 auch Marburg erfasste, die Universität in einen zeitweilig rechtsfreien Raum verwandelte, was für eine geradlinigen Mann wie Schlesinger nur schwer zu ertragen war. Als Forscher, Wissenschaftsorganisator und viel gefragter Gutachter schulterte er weiterhin ein gewaltiges Arbeitspensum. 1976 traf ihn ein Schlaganfall, der sein Sprachzentrum lähmte und jede weitere wissenschaftliche Betätigung verhinderte. Am 10. Juni 1984 ist der Mittelalter- und Landeshistoriker in Wolfshausen bei Marburg verstorben.

Auf den Grundlagen, die Rudolf Kötzschke in Leipzig gelegt hatte, ist Schlesinger als sein akademischer Schüler weitergeschritten, seine methodischen Neuansätze hat er weitergedacht. Der sächsischen Landesgeschichte blieb Schlesinger zeitlebens verbunden. Nach der Teilung Deutschlands und der Beseitigung fast aller institutionellen Grundlagen für die Landesgeschichte in der DDR erkannte er die Notwendigkeit, in Westdeutschland gegenzusteuern: 1953 wurde ein „Arbeitskreis für Mitteldeutschland” errichtet, 1954 die Schriftenreihe „Mitteldeutsche Forschungen” begründet, und die Einrichtung einer „Forschungsstelle für geschichtliche Landeskunde Mitteldeutschlands” 1960 in Marburg, in Verbindung mit dem von Schlesinger geleiteten Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde, bot schließlich einen institutionellen Rahmen für entsprechende Forschungen.

Schlesingers bedeutendstes Wirkungsfeld neben der Universität war der Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte, an dessen Tagungen er seit 1953 fast regelmäßig teilnahm. Der Konstanzer Arbeitskreis war nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst ein Sammelbecken der Enttäuschten und zu kurz Gekommenen, die – wie ihr Spiritus rector Theodor Mayer – nicht wieder eine Professur erlangen konnten, aber seit der zweiten Hälfte der 1950er Jahre entwickelte sich der Arbeitskreis zu dem maßgeblichen Forum, in dem zentrale Fragen der mittelalterlichen Verfassungsgeschichte von namhaften Fachvertretern diskutiert wurden. Methodisch beruhten die Tagungen auf der Verbindung von Mittelalterforschung und Landesgeschichte, wobei sich die Perspektive des Arbeitskreises schon seit den 1960er Jahren konzeptionell von der deutschen zur europäischen Mittelalterforschung weitete. Schlesinger hatte an dieser Entwicklung maßgeblichen Anteil. Sehr grundsätzlich setzte sich Schlesinger mit den konzeptionellen Kontinuitäten der deutschen Ostforschung nach 1945 auseinander, der er vorwarf, dass es ihr nicht um die Erforschung Ostmitteleuropas, sonder nur der Deutschen und ihrer Leistung in diesem Raum gegangen sei. Dass dabei sein Lehrer Kötzschke eine maßgebliche Rolle gespielt hatte, übersah er keineswegs. Die von Walter Schlesinger gemeinsam mit Herbert Ludat organisierten drei Tagungen des Konstanzer Arbeitskreises über „Die deutsche Ostsiedlung des Mittelalters als Problem der europäischen Geschichte” auf der Reichenau in den Jahren 1970 bis 1972 (veröffentlicht 1975) markieren einen Wendepunkt in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dieser Deutsche und Slaven belastenden, aber auch verbindenden Thematik.  Dies war allerdings nur eines der Gebiete, die von dem Ideenreichtum und der Sachkenntnis Schlesingers profitierten. Neben der Siedlungsgeschichte, der Kirchengeschichte und der Städteforschung stellte er sich immer wieder grundsätzlichen Fragen der mittelalterlichen Verfassungsgeschichte und suchte dabei auch den interdisziplinären Schulterschluss mit anderen Disziplinen wie der Archäologie. Es war nicht zuletzt Schlesinger zu verdanken, dass es in den 1960er Jahren gelang, im Göttinger Max-Planck-Institut für Geschichte ein Forschungsprojekt zur systematischen Erfassung der deutschen Königspfalzen des frühen und hohen Mittelalters zu begründen. Dabei ist es kennzeichnend für den Wissenschaftsorganisator und Forscher Schlesinger, dass er hierfür den umfangreichen Musterartikel „Merseburg” geliefert hat. Schlesinger war kein Gelehrter, der die mühsame Detailforschung mied, um durch summarische Darstellungen einen schnellen äußerlichen Erfolg zu erlangen. Das Angebot eines namhaften Verlages, nach seiner Emeritierung die große Synthese zu  schreiben, hat Schlesinger ausgeschlagen und sich stattdessen Problemen der frühmittelalterlichen Agrarverfassung zugewandt. Schlesinger war – so Josef Fleckenstein – „ein Historiker aus Passion”, dabei mehr Geschichtsforscher als Geschichtsschreiber; gründliche Detailkenntnisse verband er mit der Fähigkeit, seinen Untersuchungsgegenstand in größere Zusammenhänge einzuordnen. Eine stupende Quellenkenntnis war bei ihm mit einem weiten Horizont und einem hohen analytischen Talent verbunden. Gleichwohl werden – wie alle wissenschaftliche Produktion – auch die meisten seiner Arbeiten nach und nach von der Forschung überholt werden, aber Schlesingers Verständnis von Landesgeschichte nicht nur als Korrektiv, sondern als Grundlage der allgemeinen Geschichtsforschung ist von ungebrochener Aktualität.

Enno Bünz, Jubiläen 2008.

Literatur:

Enno Bünz: Walter Schlesinger, Historiker, in: Sächsische Biographie, hg.

vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V. Online-Ausgabe:

http.//www.isgv.de/saebi/ (2. April 2008)

Josef Fleckenstein: Walter Schlesinger, 28. April 1908 bis 10. Juni 1984, in:

Jahrbuch der Akademie der Wissenschaften in Göttingen 1984, S. 72-81

Gockel, Michael: Die Übersiedlung Walter Schlesingers nach Marburg im Jahre

1951, in: Neues Archiv für sächsische Geschichte 72 (2002), S. 215-253

Gockel, Michael: Art. “Schlesinger, Friedrich Walter, Historiker”, in: Neue

Deutsche Biographie 23: Schinzel – Schwarz, Berlin usw. 2007, S. 65 f.

Nagel, Anne Christine: Im Schatten des Dritten Reichs. Mittelalterforschung

in der Bundesrepublik Deutschland 1945-1970 (Formen der Erinnerung 24),

Göttingen 2005

Patze, Hans: Erinnerungen an Walter Schlesinger, in: Ausgewählte Aufsätze von

Walter Schlesinger 1965-1979, hrsg. von Hans Patze und Fred

und Forschungen 34), Sigmaringen 1987, S. IX-XXVIII

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