Anton Wilhelm Plaz

Der Botaniker und Mediziner Anton Wilhelm Plaz (1708-1784) gehört zu den vielen heute vergessenen Forschern der Universität Leipzig und Söhnen der Stadt Leipzig. Noch heute können die Vorgänge um sein Testament, den Nachlass und daraus resultierende Erbstreitigkeiten in vielen Einzelheiten nachvollzogen werden und geben eine selten genaue Auskunft über die Verhältnisse einer Leipziger Professorenfamilie am Ende des 18. Jahrhunderts.

Der Mediziner und Botaniker Prof. Anton Wilhelm Plaz kam aus sehr gutem Leipziger Bürgerhause. Der Vater Abraham Christoph (1658-1728), ein Jurist, stammte aus einer Augsburger Händlersfamilie und wurde 1683 in den Leipziger Rat gewählt. 1705 übernahm er das Amt eines Bürgermeisters. Aus seiner zweiten Ehe mit der Professorentochter Anna Magdalena Schwendendörffer gingen drei Kinder hervor: Leonhard Abraham, der im Kleinkindalter starb, Anton Wilhelm, der die Hauptperson dieses Aufsatzes ist, und Magdalena Sophia. Am 3. Januar 1708 fand die Taufe von Anton Wilhelm in der Thomaskirche statt.

Seine Paten waren Hofrat Johann Christoph Troppaneger, ein Mitglied der bekannten Dresdner Hofrats- und Leibmedicusfamilie Augusts des Starken, der Oberhofgerichtsadvokat Johann Heinrich Konhard, der seine Töchter in die bekannte Juristenfamilie Hommel verheiratete, und Maria Magdalena Mylius. Sie war mit dem Juristen Johann Heinrich Mylius (1659-1722) verheiratet und entstammte der Ehe zwischen Professor Michael Heinrich Horn, des Leibarztes des sächsischen Kurfürsten Johann Georg II., und der Senatorentochter Maria Schacher. Aus der Aufzählung der Paten dieses einen Kindes lässt sich ungefähr erahnen, in welchen gesellschaftlichen Kreisen sich die Familie Plaz bewegt hat.

Als der Vater Abraham Christoph Plaz 1728 starb, hinterließ er seinen Erben ein Vermögen. Seit 1698 war die Familie im Besitz des Lehngutes Mockau, welches einen Wert von 12.000 Talern hatte. Weiterhin kam die Erbengemeinschaft in den Besitz eines Wohnhauses in der Hainstraße, eines Blaufarben- und Arsenikwerks sowie einiger Bergwerksanteile in Ilmenau. Aber auch Gold- und Silberzeug, Uhren, Bücher, Kupferstiche, Münzen und Medaillen gehörten zur reichen Hinterlassenschaft des Bürgermeisters.

Warum Anton Wilhelm Plaz eine medizinische, von der Botanik geprägte, berufliche Laufbahn einschlug, bleibt im Dunklen. Bei seinem familiären Hintergrund wäre es sicher einleuchtender gewesen, wenn er sich ebenfalls der Juristerei zugewandt hätte. Nach der Erlangung des Doktorgrades im Jahre 1728 wurde er 1733 außerordentlicher Professor der Botanik, 1749 schließlich ordentlicher Professor der Botanik, 1754 der Physiologie und 1758 ordentlicher Professor der Anatomie und Pathologie an der Universität Leipzig. Seit 1773 war er Dekan der Medizinischen Fakultät, zu den Senioren der Universität gehörte er seit 1775. Besondere Verdienste erwarb sich Plaz um den Botanischen Garten, den „hortus medicus“, welcher sich von 1542 bis 1874 an der Paulinerkirche befand. In diesem errichtete der Professor 1734 auf eigene Kosten ein Gewächshaus. Seine zweite Ehe ging Anton Wilhelm Plaz um das Jahr 1733 mit Christiana Margaretha (1716-1790), einer Tochter des Landschreibers Heinrich Friedrich Engelschall ein. Deren Cousine Christiana Sophia Engelschall war wiederum mit dem Professor für Poetik Carl Andreas Bel (1717-1782) verheiratet. Die Mitglieder der Familie Engelschall fungierten sowohl bei den Plaz’schen als auch bei den Bel’schen Nachkommen mehrfach als Taufpaten.

War schon Anton Wilhelm Plazens erste Ehefrau, die Händlerstochter Maria Margaretha Hoffmann, nicht unvermögend gewesen – die Tochter Henrietta Margaretha bekam 1753 ihr Erbe in Höhe von 3.800 Talern ausgezahlt – so sprengte die Mitgift seiner zweiten Ehefrau in Höhe von 28.000 Talern schier jeden Rahmen. Doch durch unvorhersehbare Unglücksfälle verlor die Familie beinahe ihr gesamtes Vermögen und anlässlich des Todes von Plaz im Jahre 1784 brachen große Erbstreitigkeiten aus. Zwei Faktoren waren maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Familie in Armut fiel. Zum einen verursachte der siebenjährige Krieg (1756-1763) durch Einquartierungen und Kontributionszahlungen hohe Schulden, zum anderen verlor sie viel Geld durch einen Betrug des ältesten Bruders des Professors, insgesamt wohl 25.000 Taler.

[pullquote align=“full“ cite=““ link=““ color=““ class=““ size=““]„Ich will nicht mehr als sechs Wagen zur Leichenbegleitung haben. Mein Schwiegersohn soll nicht mitfahren. Gott bessre ihn und seine Frau.“[/pullquote]

Leider äußert sich Anton Wilhelm Plaz nicht weiter, wie der Betrug vonstatten ging und leider lässt sich der Bruder keiner durch die Quellen bekannten Person zuordnen, und auch Plaz nennt ihn nicht beim Namen. Es könnte sich vielleicht um Georg Christoph Plaz handeln, der 1726 in den Rat gewählt worden war, seine Ämter im Jahre 1764 aufgab und 1787 starb. Aus dem Testament von Plaz geht hervor, dass es schon eine Zeit vor seinem Tod zum Zerwürfnis mit seiner jüngsten, 1746 geborenen Tochter Margaretha Sophia und ihrem Ehemann, dem Arzt Dr. Christian David Leonhard gekommen, war. An einer Stelle im Testament von Plaz heißt es: „… Dr. Leonharden die von mir seinetwegen bezahlten vielen Schulden mit einrechnen, und von seinem Antheile abziehen solle.“ Und: „Ich will nicht mehr als sechs Wagen zur Leichenbegleitung haben. Mein Schwiegersohn soll nicht mitfahren. Gott bessre ihn und seine Frau.“

Des weiteren bedrohte Plaz seine Kinder im Testament mit seinem Unsegen, falls sie ihre faktische Enterbung zugunsten der Mutter nicht akzeptieren würden und für den Fall, dass er seine Frau überleben sollte, übergab er die „cura funeris“ seinem Freund Assessor Schott und verbat seinen Familienangehörigen, sich in diese Angelegenheit einzumischen. Trotz der Anweisung des Professors, man solle „durchaus keinen neumodischen Sarg mit Füßen“ anfertigen, sondern ihn „so einfach als möglich“ gestalten, und auch sonst jeden unnötigen Aufwand vermeiden, kostete die Beerdigung 143 Taler und damit im Mittelfeld im Vergleich zu anderen Professorenbeerdigungen (Prof. Johann Erhard Kapp 1756:  81 Taler; Prof. Christian Friedrich Börner 1753: 198 Taler). Interessanterweise verbot der Mediziner, der wohl einen exklusiven Einblick in diese Sache genoß, testamentarisch die „section“.

Schon kurz nach dem Tod des Vaters machte die Tochter schriftlich gegen ihre Mutter mobil. Beim Rektor der Universität, unter dessen Jurisdiktion die Mitglieder der Universität standen, wollte sie eine Aufstellung aller Wertgegenstände, die ihr Vater hinterlassen hatte, erzwingen, damit die Mutter keine Gelegenheit bekam, möglicherweise etwas beiseite zu schaffen. Die Witwe antwortete daraufhin dem Rektor, dass sie die gestellte Frist von 14 Tagen nicht einhalten konnte, da der zuständige Taxator abwesend war. „… übrigens aber meine Tochter immer noch mehr als zu zeitig erfahren wird, daß der Nachlaß des Defuncti nicht einmal zu Tilgung meines Eingebrachten hinreichend sey, geschweige, daß noch etwas zu erben übrig bleiben sollte.“ Trotzdem wurde die geforderte Aufstellung der Vermögensverhältnisse von der Witwe in Auftrag gegeben und an den Rektor der Universität gesandt. Danach hinterließ Plaz Immobilien im Wert von 13.500 Talern, Bargeld in Höhe von 1.077 Taler, Silberwerk und Pretiosen für 79 Taler, die Kleidung und Wäsche belief sich auf 164 Taler, Hausrat, Porzellan, Glas und Haushaltsgeräte aus Zinn, Kupfer und Messing hatten einen Wert von 377 Talern. Die Auktion der Bibliothek würde wohl 450 Taler einbringen und die Außenstände der Familie beliefen sich auf 2.460 Taler.

Nach dieser Aufstellung stand den angehäuften Schulden in Höhe von 29.314 Talern ein Vermögen von 18.110 Talern gegenüber. Bis auf eine Tochter akzeptierten die anderen möglichen Erben das Testament. Nur die Leonhardin stimmte ihrer Enterbung nicht zu, da sie ohne Angabe von Gründen erfolgte und ihr per Gesetz ein gewisser Pflichtteil zustünde. Die Mutter würde sich zum Nachteil der Tochter an der Hinterlassenschaft des Vaters bereichern. Deswegen hätte sie auch in der Aufstellung des Vermögens die Immobilien und Kleidungsstücke des Vaters zu niedrig bewerten lassen und Möbelstücke absichtlich vergessen. Die Aufstellung solle deshalb überarbeitet und korrigiert werden. Die Anfechtung solcher Spezifikationen von Nachlässen, die mit Hilfe eines Taxators und Notars oft kostspielig angefertigt worden waren, kam recht häufig vor. Da im äußersten Falle auf diese Weise eine Witwe um ihre gesamte Habe gebracht werden konnte, verboten einige Professoren testamentarisch das Erstellen solcher Inventare, so beispielsweise Prof. Michael Ernst Ettmüller (1732) oder Prof. Johannes Bohn (1718).

Im Falle der Familie Plaz konnte vor dem Universitätsgericht ein Erbvergleich zwischen beiden Parteien erreicht werden, der eine Ausuferung des Streites  verhinderte. So erhielt die Tochter ihr mütterliches Erbe vorzeitig und wurde mit 1.700 Talern ausbezahlt. Ein Teil des Geldes, 900 Taler, wurden zum Wohle der Enkel der Witwe Plaz einem Kurator übergeben und von diesem mit drei Prozent Zinsen angelegt.

Ihre völlige Enterbung hatte die Leonhardin so verhindern können. Für die heutige Forschung bieten die erhaltenen Inventare und Spezifikationen, die im Rahmen solcher Erbauseinandersetzungen angefertigt worden sind, eine einmalige und noch viel zu wenig beachtete Quelle über die Einrichtung der Haushalte, hier im speziellen der Leipziger Professorenhaushalte, im 18. Jahrhundert.

Von Theresa Schmotz.

Literatur:

Acta Herrn Anton Wilhelm Plazens Verlaßenschaft betrf. 1784 Signatur:

Universitätsarchiv Leipzig (UAL), GA II P 024

Acta Anton Wilhelm Plazens unmündige Kinder erster Ehe betreffend, 1733,

Sign. UAL, GA II P 007

Rabl, Carl: Geschichte der Anatomie an der Universität Leipzig. Leipzig 1909.

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